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Tagebücher468
Wie Welsch mir von Wien schreibt, hat die regierung es noch nicht auf-
gegeben, den verfasser oesterreichs und seiner Zukunft zu entdecken, nach
der verunglückten sendung des Prager Polizeydirectors muth wurde dein-
hardstein nach hamburg geschickt (eine hübsche mission für einen littera-
ten) und suchte campe auf jede mögliche Weise, selbst durch Berauschung
mit champagner, auszuholen, aber der alte fuchs war klüger als er.1 Wa-
rum aber liegt ihr die sache gar so sehr am herzen? ist es die Begierde den
verfasser zu strafen, oder der Wunsch ihn kennen zu lernen, weil sie vor
seinen fähigkeiten Achtung hat?
[mailand] in der sylvesternacht 31. dezember 1843 auf 1. Jänner 1844
um 1/2 3 uhr morgens
den letzten Abend des Jahres 1843 brachte ich in großer gesellschaft bey
mathilde Berchtold zu, welche mir heute zum ersten mahle wirklich reizend
und verführerisch vorkam, so daß ich noptsa beneidete. dieser ist übrigens
gerade jetzt in triest, wohin ihn sein vater, welcher aus siebenbürgen dahin
kam, zitirte, wie man sagt, um ihn mit gewalt zu entführen. ich hoffe für
ihn, daß es ihm möglich seyn wird zu widerstehen.
ich scheine auf gutem Wege, der erklärte Anbether der mlle grahn zu
werden, obwohl ich mich aus verschiedenen ursachen dagegen wehre, jedoch
ist sie ganz charmant, liebenswürdig, und wiewohl nicht gerade schön doch
sehr pikant und nebstbey sehr en coquetterie mit mir. Am ersten Abende
ihres Auftretens, den 26. mißfiel sie ziemlich allgemein, wiewohl sie wirklich
schön tanzt und eine vortreffliche schule hat, doch mag es nun die zu hoch
gespannte erwartung seyn oder ihre magern Beine, kurz sie wurde mehr
chutirt als beklatscht. vornehmlich aber war daran die erbärmliche compo-
sition des Balletts und ihr erbärmlicher tänzer schuld. seit der Zeit erklärte
ich mich für ihren champion, und zu meiner großen satisfaction nimmt der
Applaus nun täglich zu, sie wird nun schon nach ihrem pas mehrere mahle
gerufen. heute hatte ich übrigens eine Art von Zank mit ihr, weil ich ihr
zusprach, mit fanny elssler, die sie nicht leiden kann, frieden zu schließen.
Alles dieses ist recht hübsch und amusirt mich.
Julie samoyloff ist leider weg, wir waren am 26. nach dem theater, als sie
abfuhr, noch Alle bey ihr und hoben sie in den Wagen, es ist ein großer ver-
lust für uns, ihr salon ist für mich einer der angenehmsten, die ich kenne.
1 dieser Brief des Buchhändlers Welsch ist nicht erhalten, jedoch schrieb er am 4.11.1843 an
Andrian (k. 114, umschlag 663): „man sagt, die regierung habe für den Auskundschafter
von Oesterreich und seine Zukunft fl 20.000 ausgesetzt! Der Polzeidirektor von Prag soll
auch deßwegen in hamburg gewesen seyn, so sagt man sich, ich habe Alles vom hörensa-
gen!“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien