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Februar 1844
dieses verstreicht im übrigen ganz ruhig zwischen lucile, Bureau, thea-
ter, cova und mathilde Berchtold, wo ich fast alle meine Abende zubringe,
was mich vorzüglich hinzieht, ist weder mathilde, für die ich nie eine sym-
pathie fühlte, noch sonst etwas, sondern Walmoden, der beständig dort ist.
es ist erst seit einigen monathen, eigentlich seit dem letzten frühjahre, als
ich näher mit ihm zusammengekommen bin, und seitdem habe ich einen
wahren enthusiasmus für ihn.
die langweiligen Bälle der mailänder Welt besuche ich dieß Jahr sehr
wenig, das vergnügen, sich unter einer masse von verdrießlichen, unange-
nehmen und spießbürgerlichen gesichtern umherzutreiben, ohne Jemand
zu finden, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann, begreife ich nicht
mehr.
der hof verläßt Wien am 13. und wird am 17. in venedig eintreffen, um
vorerst dort zu bleiben. gabrielle kam am tage nach der leiche nach Wien,1
wurde von der viceköniginn auf das rührendste empfanden, und diese er-
klärte ihr, sie würde sich nie von ihr trennen, so verschwindet für sie ihre
liebste hoffnung zu einem andern hofstaate zu kommen, ihren haß gegen
mailand begreife ich sehr wohl, denn das leben, welches sie hier führt, ist
ein freudenloses wie nur irgend eines, und ihr verhältniß zur viceköniginn
wird sich auf die dauer wohl auch kaum ändern. nebstdem scheint mir,
daß während ihres jetzigen Aufenthaltes in Böhmen und leutomischel alte,
schon halbbegrabene Wünsche und hoffnungen wieder erwacht sind, die
nun zu einem schnellen unvermutheten ende kamen. Jeder mensch hat sein
Bündel leid auf erden, und man sollte Alle oder niemand bedauern.
es hilft nur ein trost dagegen, und dieser ist, die Blicke von dem einzel-
nen aufs ganze, auf das große zu richten, was in unserer Zeit, vor unsern
Augen vorgeht. glücklich, wer dabey nicht wieder den traurigen nebenge-
danken haben muß, daß er nichts als bloßer Zuschauer ist! – – ein moment
wie der, wo guizot in der kammer den sturm der ganzen opposition ge-
gen sich aushielt und durch sein persönliches übergewicht beschwichtigte,
hält für ein ganzes leben von opfer und entbehrungen schadlos. oder wie
o’connell, ohne Amt, ohne positive physische kraft, bloß durch sein mora-
lisches übergewicht, millionen menschen zu führen wie ein kind. ein sol-
cher mann kann sagen, er habe gelebt. Was ist dagegen die misérabilität, 30
Jahre lange österreichischer staatskanzler oder irgend etwas anders in uns-
rem vaterlande der dummheit gewesen zu seyn? es ist die größte calamität
auf erden, in oesterreich geboren zu seyn.
1 das Begräbnis von erzherzogin maria, der am 23.1.1844 gestorbenen tochter von vizekö-
nig rainer.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien