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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 474 -
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Tagebücher474 [mailand] 20. februar ich erinnere mich seit langer Zeit nicht einer so unproduktiven Periode in meinem leben, wie es die jetzige ist. seit ich jede Aussicht auf die projectirte südamerikanische mission aufgeben mußte, ist kein ähnliches vorhaben mehr an ihre stelle getreten, ich suche nach Projekten, finde aber keines, welches mir zusagend und zugleich ausführbar wäre. der Plan zur diplo- matie überzutreten, ist mir vielmehr durch die nothwendigkeit eingegeben, weil ich einsehe, daß ich es in meiner jetzigen carrière nicht mehr lange aus- halten werde, als daß ich mir von ihm goldene Berge verspreche. der mangel an unabhängigkeit, das verläugnen der eigenen gesinnung würde mir jetzt schwerer fallen als früher, und zudem bin ich nun in einem Alter, wo ich das Bedürfniß fühle selbstständig zu handeln. deßhalb würde ich eine Beschäf- tigung, eine stellung allen andern vorziehen, und diese wäre als redacteur einer großen, freysinnigen Zeitung in Wien und für oesterreich, als vehikel des fortschrittes und grundlage einer lohnenden Popularität für mich. Aber leider ist dieses in der Art, wie ich sie beabsichtigen würde und müßte, un- ausführbar. und so bin ich denn für den Augenblick zum ersten mahle in meinem le- ben ohne ein festes Projekt, ohne einen Plan, und sehe mit ungewißheit in die Zukunft, ein einziges weiß ich mit Bestimmtheit, und das ist, daß es in kurzem zu einer großen Änderung kommen muß, denn meine geldmittel sind nahezu erschöpft. nicht nur meine geistige Productivität, sondern auch meine receptivi- tät, mein interesse an der Wissenschaft schlummert, wenigstens finde ich keinen überwiegenden reiz an einzelnen Zweigen derselben mehr wie frü- her, wo ich mich in der idee meiner reise nach der neuen Welt auf alles warf, was handel, finanzen, statistik und fabrikswesen berührte, ich lese wohl, meist geschichtswerke, so z.B. jetzt schlosser’s geschichte des 18. Jahrhunderts,1 aber das lebendige, selbsteigene interesse ist verschwunden. Ja sogar die ereignisse der gegenwart berühren mich nicht mehr so tief wie sonst, eine hoffnung nach der andern fällt ab wie dürres laub, und ich sehe ein, daß meine erwartungen der Zeit vorausgeeilt sind, der schöne traum der einheit und emancipation von deutschland scheint so sehr traum zu seyn wie vor 20 Jahren, unsere kinder werden wohl den schönen tag an- brechen sehen, nicht wir, auch in oesterreich wird wohl Alles beym Alten bleiben. das ist eine traurige trostlose überzeugung, was bleibt da für uns zu thun übrig? Wir sind eine verurtheilte generation, mitten inne stehend zwischen einer großen vergangenheit und einer glänzenden Zukunft. 1 friedrich christoph schlosser, geschichte des achtzehnten Jahrhunderts und des neun- zehnten bis zum sturz des französischen kaiserreichs. 6 Bde. (heidelberg 1836–1848).
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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