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Tagebücher474
[mailand] 20. februar
ich erinnere mich seit langer Zeit nicht einer so unproduktiven Periode in
meinem leben, wie es die jetzige ist. seit ich jede Aussicht auf die projectirte
südamerikanische mission aufgeben mußte, ist kein ähnliches vorhaben
mehr an ihre stelle getreten, ich suche nach Projekten, finde aber keines,
welches mir zusagend und zugleich ausführbar wäre. der Plan zur diplo-
matie überzutreten, ist mir vielmehr durch die nothwendigkeit eingegeben,
weil ich einsehe, daß ich es in meiner jetzigen carrière nicht mehr lange aus-
halten werde, als daß ich mir von ihm goldene Berge verspreche. der mangel
an unabhängigkeit, das verläugnen der eigenen gesinnung würde mir jetzt
schwerer fallen als früher, und zudem bin ich nun in einem Alter, wo ich das
Bedürfniß fühle selbstständig zu handeln. deßhalb würde ich eine Beschäf-
tigung, eine stellung allen andern vorziehen, und diese wäre als redacteur
einer großen, freysinnigen Zeitung in Wien und für oesterreich, als vehikel
des fortschrittes und grundlage einer lohnenden Popularität für mich. Aber
leider ist dieses in der Art, wie ich sie beabsichtigen würde und müßte, un-
ausführbar.
und so bin ich denn für den Augenblick zum ersten mahle in meinem le-
ben ohne ein festes Projekt, ohne einen Plan, und sehe mit ungewißheit in
die Zukunft, ein einziges weiß ich mit Bestimmtheit, und das ist, daß es in
kurzem zu einer großen Änderung kommen muß, denn meine geldmittel
sind nahezu erschöpft.
nicht nur meine geistige Productivität, sondern auch meine receptivi-
tät, mein interesse an der Wissenschaft schlummert, wenigstens finde ich
keinen überwiegenden reiz an einzelnen Zweigen derselben mehr wie frü-
her, wo ich mich in der idee meiner reise nach der neuen Welt auf alles
warf, was handel, finanzen, statistik und fabrikswesen berührte, ich lese
wohl, meist geschichtswerke, so z.B. jetzt schlosser’s geschichte des 18.
Jahrhunderts,1 aber das lebendige, selbsteigene interesse ist verschwunden.
Ja sogar die ereignisse der gegenwart berühren mich nicht mehr so tief wie
sonst, eine hoffnung nach der andern fällt ab wie dürres laub, und ich sehe
ein, daß meine erwartungen der Zeit vorausgeeilt sind, der schöne traum
der einheit und emancipation von deutschland scheint so sehr traum zu
seyn wie vor 20 Jahren, unsere kinder werden wohl den schönen tag an-
brechen sehen, nicht wir, auch in oesterreich wird wohl Alles beym Alten
bleiben. das ist eine traurige trostlose überzeugung, was bleibt da für uns
zu thun übrig? Wir sind eine verurtheilte generation, mitten inne stehend
zwischen einer großen vergangenheit und einer glänzenden Zukunft.
1 friedrich christoph schlosser, geschichte des achtzehnten Jahrhunderts und des neun-
zehnten bis zum sturz des französischen kaiserreichs. 6 Bde. (heidelberg 1836–1848).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien