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Februar 1844
gegen diese dauernden seelenleiden suche ich in meinem vorübergehen-
den verhältnisse zu lucile erholung und Zerstreuung. sie war nun durch
10–12 tage an einem fußleiden krank und fängt erst jetzt wieder an sich
zu erholen. das waren für mich die besten tage, ganz so wie früher, ehe die
geschichten mit merelli dazwischen kamen, welche sie durch lange Zeit für
mich beynahe ungenießbar machten, so nervös und leidenschaftlich war sie
geworden. ich bringe oft meine Abende bey ihr zu. An kleinen reibungen
fehlt es zwar auch jetzt nicht, so z.B. neulich, weil ich nicht mit einem hiesi-
gen theater recensenten bey ihr essen wollte etc. überhaupt versteht sie es
vortrefflich, einen in Athem zu erhalten und ihr kleines Pantöffelchen hand-
zuhaben.
der hof ist am 17. in venedig angekommen, und gabrielle sollte am 19.
folgen. der fasching ist hier sehr ruhig und für mich ruhiger als für Andere,
da ich beynahe nirgends hingehe, als wo es unumgänglich nothwendig ist.
Abends gehe ich, wenn ich von lucile fortgehe, meistens zu Berchtold, jetzt
hat mich Walmoden auch zu mathilde schwarzenberg geführt, welche für
mich eine ressource seyn dürfte. ich bin sehr viel mit Walmoden und lerne
diesen ausgezeichneten, seltenen mann täglich mehr verehren.
depont hat mir noch immer nicht geantwortet, und ich rechne nun gar
nicht mehr darauf, jemals eine Antwort von ihm zu bekommen, obwol die-
ses stillschweigen eine baare unhöflichkeit ist. fanny elssler ist nun schon
in ihrem dritten Ballett, nämlich in der giselle aufgetreten und hat nun
endlich einen wahren furore gemacht, bisher war man sehr kalt gegen sie,
jetzt aber hat sie besonders in den mimischen szenen einen wahrhaft stür-
mischen Beyfall. doch wurde die cracovienne, welche sie darin tanzte, aus-
gezischt und sofort weggelassen. ich bin nun für lucile’s weitere Aufnahme
sehr besorgt, besonders da sie noch immer ewig dasselbe alte Ballett tanzen
muß. denn für sie geschieht gar nichts. merelli hat ihr nun mit vieler mühe
ein kleines divertissement zugesagt, wir wollen sehen.
[mailand] 25. februar
es gibt neuerdings sturm und ungewitter in casa grahn. merelli hat ihr
wegen ihrer krankheit einen bedeutenden gage-Abzug gemacht. dann
wollte sie in ihrem frühern Ballett elda ihre rolle wenigstens vorerst nicht
wieder übernehmen (da sie heute Abend zum ersten mahle wieder auftritt),
sondern bloß ihr neues Pas de cinq tanzen, da sie behauptete, sie sey dazu
noch zu schwach etc., kurz der gestrige tag war sehr stürmisch, bey sol-
chen gelegenheiten muß ich dann gewöhnlich die ersten Ausbrüche ihrer
laune ertragen. da werden mir zahllose und bittere vorwürfe über mein
Phlegma gemacht, und sie springt mit einer wunderbaren Beweglichkeit von
einem thema auf das Andere über. Auch die allersonderbarsten Zumuthun-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien