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März 1844
démasquiren, und dann begleitete ich sie im Wagen nach hause, sie wollte,
ich solle nun nicht mehr auf den maskenball gehen, ich nahm mir aber die
freyheit, ihr ganz in der stille ungehorsam zu werden.
[mailand] 3. märz
gestern machte ich meinen ersten Ausgang, nachdem ich die ganze Woche
zu hause und großentheils im Bette zugebracht hatte. meine halsdrüsen,
welche nun schon seit 2 monathen immer in einem krankhaften Zustande
sind, waren wieder so entzündet, daß ich die ersten tage kaum sprechen
konnte. lucile, die gerade diese ganze Zeit über nicht tanzte, brachte alle
Abende bey mir zu, theils mit ihrer mutter, theils allein, und diese stunden
entschädigten mich für die langweile des krankseyns.
mit jedem tage rückt nun die nothwendigkeit der entscheidung näher.
das angenehme intermezzo, welches ich eben spiele, oder eigentlicher zu
sagen, in welchem ich befangen bin, betrachte ich als die letzte Blume am
Wege, die mir noch gestattet ist aufzuheben und zu entblättern, ehe es zur
ernsten entscheidung kömmt. Welche aber wird diese seyn? Als eine Art
mezzo termine, als ein theilweises unterkriechen und durchaus nicht als die
realisirung eines besonders lebhaften Wunsches sehe ich meinen übertritt
zur diplomatie an, den ich jetzt ernstlich versuchen, und gelingt er nicht, ein
für allemahle fallen lassen will. Aber was dann? ich fühle es, daß die selbst-
ständigkeit in meinen Ansichten und handlungen mir zum hauptbedürf-
nisse geworden ist, und ebendeßwegen hat auch mein hang zur diplomatie
so bedeutend nachgelassen.
[mailand] 13. märz
es wird nach und nach frühling, jedoch mit fühlbaren Zwischenräumen,
mein hals bedarf noch immer einer bedeutenden vorsicht und schonung.
felix schwarzenberg ist zum gesandten in neapel ernannt, wo es jetzt
sehr kritisch aussieht. der französische einfluß nimmt mit jedem tage zu,
und man erwartet mit nächstem, daß der könig von freyen stücken eine
constitution ertheilen soll, geschieht dieses, so ist kein Zweifel, daß die
rückwirkung auf das übrige, und daher auch auf unser italien, sehr stark
seyn wird. so liberal ich auch im ganzen gesinnt bin, so fühle ich doch zu
wenig sympathie für die italiener, um diese Bewegung mit andern als mit
gut österreichischen Augen zu betrachten. Wie ganz entgegengesetzte ge-
fühle würde ein ähnliches ereigniß bey uns, oder überhaupt in deutschland
in mir hervorrufen! Aber dazu ist kaum noch hoffnung, was mir noch vor
einem Jahre als möglich, ja als wahrscheinlich erschien, darauf leiste ich
jetzt in trostloser entmuthigung verzicht, und sehne mich hinweg aus ei-
nem lande, welches alle Bedingungen der freyheit und des fortschrittes in
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien