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sich trägt, nur nicht die des muthes und der fähigkeit zu handeln. und doch
fühle ich es, wird mir nirgends wohl werden, werde ich nie den Blick an-
derswohin wenden können als auf deutschland, an das ich ein für allemahl
unauflöslich gefesselt bin.
Warum bin ich nicht 50 Jahre später, oder warum nicht in einem andern
lande geboren worden? das lange Preußenregiment hat die deutschen ent-
nervt, moralisch geknechtet, und die regierungen sind zu klug, halten zu
fest aneinander. dagegen werden sie noch lange nichts ausrichten können,
besonders mit ihrer verfluchten geduld. und was ärger ist als dieß, ich sehe
eine komplete entartung, erschlaffung und verderbtheit des deutschen vol-
kes in nicht mehr ferner Zukunft kommen. Alle die materiellen fortschritte,
die eisenbahnen etc. werden nur das materielle, philister- und krämerhafte
moment in der nation wecken und diesem das übergewicht über alles ed-
lere in ihr verschaffen, um so mehr als für dieses gar nichts geschieht, und
die Presse, der öffentliche unterricht und die politischen institutionen im-
mer mehr verkümmert und beschränkt werden. in wenigen Jahren wird
man von den deutschen mehr als je von den engländern sagen können, wir
seyen ein volk von shopkeepers, und was soll aus einem solchen volke wer-
den?
ein anderes politisches ergebniß der letzten tage ist das scheitern (we-
nigstens der allgemeinen meinung zufolge, obwohl niemand etwas gewis-
ses weiß) der heirathsunterhandlungen zwischen erzherzog stephan und
der großfürstin olga. orloff, der deßhalb nach Wien kam, ist sichtlich ver-
stimmt wieder abgereist, und was für uns interessanter ist, ist, daß die öf-
fentliche stimme in Wien sich so laut gegen diese verbindung aussprach,
daß man sich in dem meinungslosen Wien noch nie einer solchen demon-
stration erinnert, freylich kamen hier politische und religiöse Antipathieen
für dieß eine mahl in verbindung.
hier gibt es wie immer nichts neues. das theater naht seinem ende.
lucile geht am 25. fort, nach london, es hat vorige Woche abermals einen
sturm gegeben, da merelli verlangte, sie solle am schlusse der oper statt
zwischen den Akten tanzen, wozu er freylich das recht hatte, was aber
nichts desto weniger beynahe unerhört und für sie sehr kränkend war, sie
mußte beynahe mit gewalt gezwungen werden, und ich aplanirte die sache
mit mühe. dagegen erhielt sie im Publicum eine glänzende satisfaction, das
kleine Ballett, das man zwischen den Akten gab, wurde so ausgepfiffen, daß
es nicht zu ende gespielt werden konnte, dagegen lucile am ende der oper
bey ihrem Auftreten mit dem stürmischesten Beyfalle empfangen, den ich
je erlebt. trotz dem läßt sich nicht läugnen, daß sie trotz aller versprechun-
gen merellis gegen mich und andere seit 26. december immer nur ein- und
dasselbe Ballett tanzen muß, gegen fanny elssler, die übermorgen in ihrem
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien