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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 478 -
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Tagebücher478 sich trägt, nur nicht die des muthes und der fähigkeit zu handeln. und doch fühle ich es, wird mir nirgends wohl werden, werde ich nie den Blick an- derswohin wenden können als auf deutschland, an das ich ein für allemahl unauflöslich gefesselt bin. Warum bin ich nicht 50 Jahre später, oder warum nicht in einem andern lande geboren worden? das lange Preußenregiment hat die deutschen ent- nervt, moralisch geknechtet, und die regierungen sind zu klug, halten zu fest aneinander. dagegen werden sie noch lange nichts ausrichten können, besonders mit ihrer verfluchten geduld. und was ärger ist als dieß, ich sehe eine komplete entartung, erschlaffung und verderbtheit des deutschen vol- kes in nicht mehr ferner Zukunft kommen. Alle die materiellen fortschritte, die eisenbahnen etc. werden nur das materielle, philister- und krämerhafte moment in der nation wecken und diesem das übergewicht über alles ed- lere in ihr verschaffen, um so mehr als für dieses gar nichts geschieht, und die Presse, der öffentliche unterricht und die politischen institutionen im- mer mehr verkümmert und beschränkt werden. in wenigen Jahren wird man von den deutschen mehr als je von den engländern sagen können, wir seyen ein volk von shopkeepers, und was soll aus einem solchen volke wer- den? ein anderes politisches ergebniß der letzten tage ist das scheitern (we- nigstens der allgemeinen meinung zufolge, obwohl niemand etwas gewis- ses weiß) der heirathsunterhandlungen zwischen erzherzog stephan und der großfürstin olga. orloff, der deßhalb nach Wien kam, ist sichtlich ver- stimmt wieder abgereist, und was für uns interessanter ist, ist, daß die öf- fentliche stimme in Wien sich so laut gegen diese verbindung aussprach, daß man sich in dem meinungslosen Wien noch nie einer solchen demon- stration erinnert, freylich kamen hier politische und religiöse Antipathieen für dieß eine mahl in verbindung. hier gibt es wie immer nichts neues. das theater naht seinem ende. lucile geht am 25. fort, nach london, es hat vorige Woche abermals einen sturm gegeben, da merelli verlangte, sie solle am schlusse der oper statt zwischen den Akten tanzen, wozu er freylich das recht hatte, was aber nichts desto weniger beynahe unerhört und für sie sehr kränkend war, sie mußte beynahe mit gewalt gezwungen werden, und ich aplanirte die sache mit mühe. dagegen erhielt sie im Publicum eine glänzende satisfaction, das kleine Ballett, das man zwischen den Akten gab, wurde so ausgepfiffen, daß es nicht zu ende gespielt werden konnte, dagegen lucile am ende der oper bey ihrem Auftreten mit dem stürmischesten Beyfalle empfangen, den ich je erlebt. trotz dem läßt sich nicht läugnen, daß sie trotz aller versprechun- gen merellis gegen mich und andere seit 26. december immer nur ein- und dasselbe Ballett tanzen muß, gegen fanny elssler, die übermorgen in ihrem
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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