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März 1844
4. Ballett auftritt, unterliegt, besonders da man ihr nebstdem alle nur mög-
lichen chicanen von seiten der theaterunternehmung etc. spielt. übrigens
ist es wirklich zu verwundern, daß sie unter diesen umständen noch soviel
Beyfall findet und jeden Abend, da sie tanzt, 8–10 mahl gerufen wird. selbst
die censur verfolgt sie, da fanny elssler von Wien aus (sedlnitzky u.a.) auf
das energischeste anempfohlen wurde, es wurde den theater Journalen
(welche übrigens freylich die ärgste canaille der Welt sind) angezeigt, sie
dürften von lucile nie sprechen, ohne vorher der elssler erwähnt zu haben,
es darf nicht gesagt werden, wie oft lucile gerufen wurde, sondern bloß: va-
rie volte, der Ausdruck: entusiasmo wurde gestrichen und an dessen stelle
compiacenza gesetzt, und hundert solche dinge mehr. o neunzehntes Jahr-
hundert!!
[mailand] 24. märz
die komödie naht sich ihrem ende und ihrer entwickelung, und das ist gut,
denn die stagnation, der torpor dieser letzten monathe war nichts nütze,
einerseits geht lucile, die mir doch mehr, als ich im Anfang dachte, ans herz
gewachsen ist, morgen weg und nach london, andererseits habe ich nun alle
meine minen springen lassen, um zur diplomatie überzutreten, es muß sich
nun in kurzer Zeit zeigen, ob es geht, ob nicht, gelingt es, so werde ich mir
zwar keine goldenen Berge versprechen wie noch vor 4–5 Jahren, aber diese
veränderung meiner lage und meiner Beschäftigung mit freuden anneh-
men, geht es nicht, dann sage ich getrost: vogue la galère, nehme meinen
Abschied und ziehe ins freye, und vertraue auf den, der die sperlinge auf
den dächern nährt, nämlich auf das blinde glück. Alles ist besser, als sein
lebtag wider die eigene neigung und überzeugung zu wirken.
ich habe also an Bombelles geschrieben und ihm ein mémoire für den
fürsten metternich beygeschlossen, zugleich hat gabrielle an gräfinn fic-
quelmont geschrieben, und ich will heute mit Walmoden sprechen, der diese
tage nach Wien geht, und warte nun mit ruhe die entscheidung ab.
mit lucile sind wir nach und nach, und ohne zu wissen wie, auf einen
ruhigeren freundschaftsfuß zurückgekommen, ich glaube, die täglichen
heftigen stürme dieser drey monathe haben nach und nach ihre morali-
sche energie aufgezehrt und auch mich ruhebedürftiger gemacht, ich wüßte
jetzt wirklich nicht, was es ist, das sie für mich empfindet, ob bloße freund-
schaft, ob mehr, meinerseits ist sie mir eine gewohnheit geworden, was mir
so leicht widerfährt, und von der ich mich dann immer mit mühe losreiße,
sie läßt mir ihr Portrait und einen charmanten von ihr für mich gestrickten
fußsack als Andenken zurück, und somit mag auch diese episode in frie-
den bey ihren vorgängerinnen ruhen, bis wir uns einmahl irgendwo wieder
begegnen. gestern ist ihr alter und, soviel ich glaube, einziger liebhaber
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien