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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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Tagebücher484 [mailand] 15. mai es ist nun schon fast völliger sommer geworden. die letzten tage Aprils waren schön und heiß wie Julytage, dann hatten wir einen rückfall in die kältere Jahreszeit von etlichen tagen, und nun scheint es endlich ernstlich sommer werden zu wollen. ich gehe diesen nachmittag auf ein paar tage nach como, um diese schöne Zeit zu nützen, zugleich muß ich da eine villa nehmen für gräfin Bombelles, die mich von Parma aus darum gebethen hat, ich gehe mit meinem alten freunde emerich Bethlen, den ich seit 1834 nicht gesehen und der nun seit mehreren Wochen hier ist, so verändert, daß es einige tage währte, ehe ich mich mit seinem Äußeren zurecht finden konnte. vor ungefähr 14 tagen erhielt ich einen Brief von Bombelles hinsicht- lich meiner diplomatischen Angelegenheit.1 man trägt mir eine stelle als commis in Brasilien an mit der Aussicht, in kürzester Zeit daselbst ge- schäftsträger zu werden, ich antwortete, daß ich unter meinen gegenwär- tigen rangsverhältnissen einen Posten als commis unmöglich annehmen könnte, daß ich mich aber mit der Besoldung eines commis begnügen würde, wenn ich titel und rang als legationssekretär erhielte, und er- warte nun hierüber eine Antwort. meine großmutter2 ist am 16. vorigen monats in leutomischel, 80 Jahre alt, gestorben. der hof und somit gabrielle ist seit 1. may hier, sie gehen Anfangs Juny nach monza, indessen bringe ich meine meisten Abende bey ihr zu, gehe sel- ten zu Berchtold, wo der mann soeben von einer todeskrankheit reconvales- cirt, etwas öfter zu mathilde schwarzenberg, welche dieser tage weggeht, um sich in neapel zu etabliren, fast nie zu spaur, und führe überhaupt das leben eines menschen, der am vorabende seiner Abreise steht. künftige Woche kömmt jedoch Julie samoyloff von Paris, möglich, daß dieses einige Abwechslung in mein leben bringt. vorderbrühl bey Wien, 14. september 1844 es sind nun beynahe 4 monathe, und nicht die unwichtigsten in meinem leben, verstrichen, seit ich zuletzt dieses tagebuch zur hand genommen. War es faulheit oder eben die ungewißheit einer entscheidung meines schicksals, oder irgend ein anderer grund, jetzt aber drängt es mich, das versäumte nachzuholen. ein tagebuch, in vernünftiger Weise und regel- mäßig geführt, hat manchen nutzen, vornehmlich den, daß man dadurch gezwungen wird über seine lage nachzudenken, de faire un retour sur soi- 1 graf heinrich Bombelles an Andrian, Wien 27.4.1844 (k. 114, umschlag 663). 2 Gräfin Maria Josefine Fünfkirchen, geb. Gräfin Chorinsky, sie war seit 1807 verwitwet.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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