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September 1844
même, und man hiedurch erst recht klar über sich selber wird. ich will daher
das, was sich seit mitte may zugetragen, kurz erzählen.
über mein erwähntes schreiben an Bombelles erfolgte in kurzer Zeit eine
Antwort, welche mir die besten hoffnungen gab verbunden mit einer noch-
maligen dringenden Aufforderung, nach Wien zu kommen und meine sache
hier persönlich auszufechten. ich entschloß mich daher alsbald dieser einla-
dung zu folgen. ohnehin war ich aus den bereits angedeuteten ursachen bey
einem Wendepunkte meines schicksales angekommen, und je rascher und
deutlicher sich dieses entscheiden würde, um so besser.
ich fuhr also am 3. Juny von mailand ab, ziemlich überzeugt, daß mein
Aufenthalt daselbst für immer oder doch für eine sehr lange Zeit zu ende
sey, obwohl ich dieses aus leicht begreiflichen gründen nicht sagen konnte.
nur meine schwester gabrielle, die vertraute aller meiner Pläne und ge-
danken, wußte darum und billigte meinen entschluß, wie sehr sie ihn auch
ihretwegen beklagen mochte. übrigens verließ ich mailand ziemlich ungern
sowol wegen dessen, was ich verließ, als dessen, dem ich entgegen ging, denn
ich sah wieder eine Zeit des sollicitirens und Antichambrirens vor mir, wo-
vor ich mich seit jeher wie vor dem teufel gefürchtet habe.
die letzten tage meines mailänder lebens waren durch Julie samoy-
loffs rückkehr aus Paris wieder lebhafter und bewegter geworden. gleich
am tage ihrer Ankunft hatten wir eine lächerliche equipée nach dem
Wirthshause an der eisenbahn gemacht, wozu wir sammt und sonders ei-
nen omnibus in Beschlag nahmen und dort ein diner machten, welches ich
arrangirt hatte. sie hatte Amazilie Pacini aus Paris mitgebracht, welche
ein charmantes mädchen geworden ist. von fremden waren in der letzte-
ren Zeit unter andern kiel, haugwitz und die erbprinzessinn von modena1
samt suite da gewesen.
meine course nach como hatte ich mit Bethlen glücklich vollbracht, fand
aber bey meiner Rückkehr einen Brief der Gräfinn Bombelles, welche mir
mittheilte, daß ihr Zustand es ihr nicht erlaube Parma zu verlassen.
Am 3. Juny Abends verließ ich also mailand, nachdem ich meine Ab-
schiedsvisite beym vicekönig, dem ich den grund meiner reise mittheilte,
etc. gemacht hatte. spaur sah ich nicht, da er eben unpäßlich war. ich fuhr
über innsbruck, wo ich schlief und durch die frohnleichnamsprocession
aufgehalten wurde. von da verließ ich den courier, um einen tag zu ge-
winnen und das donaudampfschiff benützen zu können, und fuhr mittelst
extrapost, auf jeder station Wagen wechselnd, eine sehr beschwerliche Art
zu reisen, bis salzburg, von da nach linz, wo ich noch Zeit hatte einige
1 Adelgunde, seit 1842 gattin von franz v., 1846–1859 herzog v. modena. sie war eine toch-
ter von könig ludwig i. v. Bayern.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien