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ren einer im schönbrunner schloßtheater ich beywohnte, die fête des für-
sten metternich unterblieb wegen seiner krankheit, übrigens schien er all-
gemeine sympathie im Publikum gefunden zu haben, welcher unterschied
gegen die stimmung, die noch vor 10 Jahren bey uns allgemein gegen Preu-
ßen herrschte! c’est bien vrai, que le siècle marche.
Am tage seiner Abreise verschied die arme sophie (mischka) esterhazy,
sie sah schon in letzter Zeit mehr einer leiche als einer lebenden ähnlich.
Wiewohl ich schon seit Jahren mit ihr ziemlich gespannt war, so frappirte
mich ihr tod, und ich dachte an die Zeit zurück, da Wien nach ihrer Pfeife
tanzte.
[vorderbrühl] 24. september
es sind herrliche tage, die ich in dieser schönen gegend verlebe. nach dem
langweiligen regnerischen sommer dieses Jahres genießt man den schönen
september doppelt, auch physisch fühle ich mich neu gestärkt.
leider kann ich meiner dienstgeschäfte in Wien wegen diese goldene
Zeit nicht so benützen, als ich gerne möchte. doch bringe ich 3, auch 4 tage
in der Woche hier zu und nahm als Begleiter ein wohlgespicktes Porte-
feuille mit. freylich bin ich auch hier nicht so allein, als ich es wünschte
und hoffte. die verwünschte eisenbahn speyt besonders an sonntagen
ganze schwärme von Wienern, und darunter nur zu oft Bekannte, hier aus.
doch zittere ich, wenn ich an die hetze denke, die nun bald wieder angehen
wird, denn in den nächsten tagen kehrt Alles wieder heim, der hof und die
großen des reiches aus dem süden, die Andern aus allen Weltgegenden.
sonderbar, ich kann meiner wahrscheinlichen nächsten Zukunft, wie sie
sich auch gestalten möge, durchaus keine angenehme seite abgewinnen.
nicht nur daß mich die diplomatische laufbahn nicht mehr anlockt, weil
ich einsehe, daß der übertritt für mich immer mit manchem nachtheile, in
the worldly acception of that word, verbunden seyn wird, und daß dieselbe
auch sonst bey meinen jetzigen pecuniairen verhältnissen mit mancher un-
annehmlichkeit verknüpft ist, so ist sie mir auch deßhalb beynahe zuwider,
weil es ein fortwährend gewaltsamer Zustand, eine unaufhörliche verläug-
nung meiner politischen Ansichten, und diese sind gegenwärtig meine heilig-
sten, seyn wird, und ich für lange wo nicht für immer jeder selbstständigkeit
entsagen muß. Andere nicht minder ernste Bedenken und der Widerwillen
gegen den schon bekannten abgedroschenen schlendrian befallen mich bey
dem gedanken, bey dem zu verharren, wo ich gegenwärtig sitze. ich fühle ein
immer dringenderes Bedürfniß nach thätigkeit, jedoch nach selbstständiger
Thätigkeit, und finde wie Marquis Posa keinen Platz für diese.
Ja, wohl, ganz wohl mag es nur dem seyn, der sich der Wissenschaft er-
geben hat. Wer sich aber mit den dingen der Welt abgibt, der wird, wenn
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien