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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 493 -
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4935. Oktober 1844 er nicht in der stellung ist, sie beherrschen zu können, von ihnen zerrie- ben. In dieser Stimmung befinde ich mich ungefähr jetzt, ist es bloß eine vorübergehende Anwandlung oder hat es eine tiefere Bedeutung, daß mich gerade jetzt wieder ein mächtiges interesse für fourier und seine lehren ergreift, für fourier, welchen ich vor Jahren in mailand studirt und kalt und unüberzeugt weggelegt habe, und den ich seitdem nur als eine psycho- logisch merkwürdige erscheinung betrachtete? Jetzt fühle ich mich plötz- lich wieder zu ihm hingezogen, und seine Person ergreift mich mächtiger als alle Poësie. von dieser Welt erwarte ich nichts mehr, oder wenig, so mag es denn seyn, daß sich mein geist unwillkürlich einer anderen orga- nisation dieses erdenrundes zuwendet und in den speculationen über eine wundervolle Zukunft die trostlose realität der gegenwart zu vergessen strebt. vielleicht ist es auch das Bedürfniß nach enthusiasmus, welches ich so mächtig fühle, das diese neue richtung bestimmt, meine politischen Praeoccupationen und ideen dürften so ziemlich ihren culminationspunkt überschritten haben, obwohl mich noch neulich o’connell’s freysprechung, das großherzige, staunenswerthe Benehmen des oberhauses und die tri- umphe in irland bey dieser gelegenheit wieder in eine jener Aufregungen versetzten,1 vielleicht sucht sich meine einbildungskraft dafür an den so- cialen ideen zu entschädigen. sic cuneus cuneum trudit. Alles hat seine Zeit, bey nationen wie bey einzelnen, und ist das uhrwerk abgelaufen, so ist auch kein schade mehr darum. Aber traurig ist es, daß Alles vergänglich seyn soll, sogar die ideen, die Prinzipien, die überzeugungen. Was ist dann die Wahrheit ? – – [vorderbrühl] 5. oktober leider wird es nun mit meinem schönen landaufenthalte bald zu ende seyn, denn obwohl wir jetzt noch herrliche herbsttage haben, so wird es doch schon empfindlich kalt, besonders in meiner luftigen Sommerwoh- nung, und auch die langen Abende mahnen an den herannahenden Winter. schade! überhaupt ist mir der spätherbst immer die traurigste Jahreszeit gewesen, denn ich, der ich stets in der Zukunft lebe und darüber die gegen- wart verabsäume, sehe nur den herannahenden Winter und kann deßhalb des schönen herbstes nicht froh werden. Auch rufen mich meine geschäfte in die stadt, obwohl ich eigentlich durchaus keine eile verspüre, die entscheidung meines schicksales her- 1 daniel o’connell, der führer der irischen repeal-Bewegung, wurde vom house of lords als Berufungsgericht im september 1844 freigesprochen, nachdem er zunächst im oktober 1843 u.a. wegen störung der öffentlichen ordnung und Aufforderung zum verfassungs- bruch zu einem Jahr haft verurteilt worden war.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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