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Oktober 1844
er nicht in der stellung ist, sie beherrschen zu können, von ihnen zerrie-
ben. In dieser Stimmung befinde ich mich ungefähr jetzt, ist es bloß eine
vorübergehende Anwandlung oder hat es eine tiefere Bedeutung, daß mich
gerade jetzt wieder ein mächtiges interesse für fourier und seine lehren
ergreift, für fourier, welchen ich vor Jahren in mailand studirt und kalt
und unüberzeugt weggelegt habe, und den ich seitdem nur als eine psycho-
logisch merkwürdige erscheinung betrachtete? Jetzt fühle ich mich plötz-
lich wieder zu ihm hingezogen, und seine Person ergreift mich mächtiger
als alle Poësie. von dieser Welt erwarte ich nichts mehr, oder wenig, so
mag es denn seyn, daß sich mein geist unwillkürlich einer anderen orga-
nisation dieses erdenrundes zuwendet und in den speculationen über eine
wundervolle Zukunft die trostlose realität der gegenwart zu vergessen
strebt. vielleicht ist es auch das Bedürfniß nach enthusiasmus, welches
ich so mächtig fühle, das diese neue richtung bestimmt, meine politischen
Praeoccupationen und ideen dürften so ziemlich ihren culminationspunkt
überschritten haben, obwohl mich noch neulich o’connell’s freysprechung,
das großherzige, staunenswerthe Benehmen des oberhauses und die tri-
umphe in irland bey dieser gelegenheit wieder in eine jener Aufregungen
versetzten,1 vielleicht sucht sich meine einbildungskraft dafür an den so-
cialen ideen zu entschädigen. sic cuneus cuneum trudit. Alles hat seine
Zeit, bey nationen wie bey einzelnen, und ist das uhrwerk abgelaufen, so
ist auch kein schade mehr darum. Aber traurig ist es, daß Alles vergänglich
seyn soll, sogar die ideen, die Prinzipien, die überzeugungen. Was ist dann
die Wahrheit ? – –
[vorderbrühl] 5. oktober
leider wird es nun mit meinem schönen landaufenthalte bald zu ende
seyn, denn obwohl wir jetzt noch herrliche herbsttage haben, so wird es
doch schon empfindlich kalt, besonders in meiner luftigen Sommerwoh-
nung, und auch die langen Abende mahnen an den herannahenden Winter.
schade! überhaupt ist mir der spätherbst immer die traurigste Jahreszeit
gewesen, denn ich, der ich stets in der Zukunft lebe und darüber die gegen-
wart verabsäume, sehe nur den herannahenden Winter und kann deßhalb
des schönen herbstes nicht froh werden.
Auch rufen mich meine geschäfte in die stadt, obwohl ich eigentlich
durchaus keine eile verspüre, die entscheidung meines schicksales her-
1 daniel o’connell, der führer der irischen repeal-Bewegung, wurde vom house of lords
als Berufungsgericht im september 1844 freigesprochen, nachdem er zunächst im oktober
1843 u.a. wegen störung der öffentlichen ordnung und Aufforderung zum verfassungs-
bruch zu einem Jahr haft verurteilt worden war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien