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beyzuführen, so kann ich doch jetzt, da Alles oder beynahe Alles wieder in
Wien beysammen ist, nicht wohl umhin, mich ebenfalls wieder zu zeigen,
damit man nicht denke, ich sey eingeschlafen.
Wenn ich sage Alles, so verstehe ich darunter die Faiseurs, die einflußrei-
chen leute oder eigentlich Allgewaltigen. denn sonst ist Wien leer und lang-
weilig wie nie zuvor, und dort ist die vorgeschrittene saison weit merklicher
als hier, wo man noch frisches grün und den blauen himmel um sich sieht
und sich stundenlang noch einreden kann, wir wären im sommer. dieses
war mir, als ich dieser tage in der stadt war, sehr unangenehm fühlbar.
Also in gottes nahmen wieder in den strudel, in das Bitten und Betteln,
welches ich so gründlich hasse und das mich so sehr vor mir selber demüthi-
get, hineingetaucht. Was ich aus dieser Kothlake herausfischen werde, daß
weiß gott, am besten wäre es, gar nichts. man räth mir zu Athen, doch
lacht mich dieses wenig an.
der roman aber, den ich hier gespielt und der viel dazu beytrug, mich an
die Brühl zu fesseln, ist zu ende, nicht brillant, aber um so überraschender
für mich, ich meine mein verhältnis zu sidonie reviczky. ich habe die tage,
welche ich hier zubrachte, großentheils mit ihr zugebracht, meine Abende
ohne Ausnahme, sehr oft en tête-à-tête, immer aber en três-petit comité,
wie das hier wohl nicht anders möglich war. ich hatte sie in dieser Zeit von
einer sehr vortheilhaften seite kennen gelernt, welche mir ganz neu war,
als eine angenehme heitere frau, d’une gaieté franche, d’un parfait aban-
don avec moi, von ziemlich viel geist, sehr vieler natürlichkeit und einer
sehr angenehmen und lebhaften conversation. sie selbst zog meinen um-
gang sichtlich jedem anderen vor, und ihr ganzes Benehmen schien mich
vollkommen zu der Annahme zu berechtigen, daß sie von mir mehr als bloße
freundschaft erwarte und fordere, und nur einer erklärung von meiner
Seite entgegensehe. Diese erfolgte dann heute, und ich machte fiasco, zwar
ein sehr ehrenhaftes fiasco, wenn man will, aber doch immer ein fiasco, sie
sagte mir die schönsten sachen, aber am ende blieb es dabey, daß sie nichts
von liebe wissen wolle. sie sagte, ich sey kein mensch, welcher wirklich
lieben könnte, dazu sey ich zu sehr verstandesmensch, je raisonnais trop
avec mon cœur, dazu sey sie eine frau, bey welcher die ersten eindrücke
entschieden, und so habe sie mich vor 2 Jahren in florenz beurtheilt, als ich
mit Clotilde Lottum ein offenbar oberflächliches Verhältnis gehabt habe.
sonderbar, noch nie hat eine frau mir glauben wollen, daß ich wahrhaft
in sie verliebt wäre, noch sonderbarer, ich komme so eben von ihr und mei-
ner niederlage und fühle nicht die mindeste verstimmung in mir, und doch
hatte ich mir unser gegenseitiges verhältniß, welches ich als schon ziem-
lich ausgemacht betrachtete, sehr angenehm ausgemahlt, und am allerson-
derbarsten, ich glaube ihr trotz ihrer entschiedenen Antwort nicht recht,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien