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Oktober 1844
obwohl diese noch fortglimmende hoffnung auf meine stimmung durchaus
keinen Einfluß hat. Wäre mein Herz für die Liebe schon ganz erstorben? Ich
muß es fast glauben, und die frau hat mich ziemlich richtig beurtheilt.
Aber so ist es, ich habe mir meine chancen selbst verdorben, ich habe
mich zu sehr gezeigt wie ich bin, räsonnirend, spottend und Weiber und
liebe als nebensachen betrachtend, das kömmt von einer zu großen inti-
mität, konnte ich aber auch wissen, daß sie, die doch sonst das gerade ge-
gentheil einer bégueule ist, in ihrem falle so überspannte Anforderungen
machen würde, welchen ein so ledernes herz wie das meinige freylich nicht
genügen kann. ich ahnte übrigens zuletzt etwas dergleichen und kleidete
daher meine déclaration in eine sprache wie zu Augusta’s Zeiten,1 doch da
war es zu spät.
Enfin, quoi que ce soit, haben wir mit einander recht angenehme Tage
zugebracht und manches getrieben, woran wir uns lange erinnern werden,
so eine charmante Parthie über gaaden nach Baden mit constant Palffy,
der überhaupt viel mit uns war, dann einen Abend im theater in mödling,
wo wir wegen mißverhaltens beynahe und ohne mein Phlegma wahrschein-
lich buchstäblich ausgetrieben worden wären, etc. sonst sah ich bey ihr
noch einen dichterling Baron Beyer (rupertus), den compositeur randhar-
tinger, fritz schwarzenberg, den ungarischen exaltato Pulszky etc.
Wien 15. oktober
Gestern bin ich définitiv hier vom Lande eingerückt, à mon corps défen-
dant. denn diese letzten tage waren über die maaßen schön und ange-
nehm. es ist hier schon so winterlich, daß mir vorkömmt, als hätte ich mit
einem schritte ein monath übersprungen. übrigens war ich beynahe die
ganze vorige Woche herin, hatte also Zeit mich daran zu gewöhnen.
Jenen Aufenthalt vor einigen tagen in der stadt in vergangener Wo-
che benützte ich dazu, zur Wiederanknüpfung meiner diplomatischen un-
terhandlungen einige schritte zu machen. von großen nutzen ist mir da-
bey Baron daiser, bisher gesandter in Brasilien, an den ich durch Pachta
gewiesen wurde, und der mir als wahrer freund mit rath an die hand
geht. leider kann er, der kränkliche und gichtbrüchige, mir nicht auch
in der that beystehen, ich war beym grafen münch, dem Allgewaltigen,
bey Bombelles, der mir aber seit einiger Zeit sehr boutonnirt und verlegen
vorkömmt. die idee, mich compromittirt zu haben, scheint ihn zu embarra-
siren, und er möchte sich gerne aus der schlinge ziehen. derjenige, gegen
den man ein unrecht hat, ist uns immer unangenehm. ich wüßte wohl ein
mittel, ihn ganz zu gewinnen. dieses wäre, ein Jesuit zu werden und nach
1 gemeint ist seine Jugendliebe Augusta horrocks.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien