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nach herausgebracht, daß ihr ganzer geist darin besteht, über das, was
man ihr sagt, zu lachen. ihre Position in der hiesigen Welt ist keine der
brillantesten.
eine alte gute Bekannte, hortense milanes aus Prag habe ich hier ge-
funden, sie ist an einen steinreichen capitalisten galvani verheirathet und
lebt hier sehr angenehm. versteht ihre stellung sehr gut und ist überhaupt
eine charmante liebenswürdige frau.
eine andere recht angenehme frau, deren Bekanntschaft ich vor kur-
zem gemacht habe, ist die sonst berühmte frau v. ritter, gewesene Baro-
nin münch. überhaupt läßt es sich für Jemanden, der keine übertriebenen
Ansprüche macht und auf geistigen genuß verzichtet, in Wien recht ange-
nehm leben. leider aber gehöre ich nicht zu diesen. Was mich hier immer
vor Allem Andern ennuyirt, das ist die entsetzliche monotonie des hiesigen
lebens, immer die nämlichen menschen, und was für menschen, die Alle
zu einer und derselben classe gehören, folglich weiß man schon, was sie
sagen wollen, ehe sie noch den mund aufgethan, und was oft sehr spaßhaft
ist, ist die morgue, die exclusivitaet dieser leute, welche gar nicht ahnen,
wie kleinstädtisch ihr ganzes thun und treiben ist, und von der eigentlich
großen und großartigen Welt gar keinen Begriff haben.
ich sehe aus Allem, daß ich es nicht lange in Wien aushalten würde,
wenn mich nicht das interesse festhielte, am centrum unserer großen ma-
schine zu stehen und alle die großen dummheiten, die dann die Welt ver-
blüffen, an ihrer Wiege zu belauschen.
übrigens gehe ich mit einer idee um, welche nicht so übel wäre, es wäre
nämlich, eine politische Zeitung zu gründen in der Art des Journal des dé-
bats, nicht officiell, auch nicht ministeriell, sondern im gemäßigt liberal
conservativen geiste, en attendant mieux. der moment wäre glaube ich
günstig, die regierung sieht den nutzen der Publicität ein, daher häufen
sich die offiziellen Correspondenzartikel in der Allgemeinen und in andern
Zeitungen, und die hauptsache wäre, die tendenz des neuen Journals An-
fangs recht plausibel darzustellen, ist die concession einmahl ertheilt, so
läßt sich petit à petit terrain gewinnen. Jedoch kann ich mit einem solchen
Anliegen nicht hervortreten, erstlich weil ich in diensten stehe, und dann
weil ich der regierung keine garantien für Werth und richtung der Zei-
tung zu biethen vermag, da sie mich von dieser seite nicht kennt, endlich
und vornehmlich, weil ich keine grauen haare habe, und ohne diese kein
heil in oesterreich. ich habe daher daran gedacht, Zedlitz voranzustellen,
der Alles in sich vereinigt, und muß nun sehen, wie ich es anfange. ein
nahme wie der seinige könnte allein das gelingen sichern.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien