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Tagebücher512
[Wien] 21. April
es ist endlich frühling geworden, doch erst seit ein paar tagen, bisher war
es noch immer kalt, daß man nicht anders als winterlich gekleidet ausge-
hen konnte, erst jetzt fängt auch die natur an sich zu regen.
Walmoden kam gestern Abends an, ich habe ihn noch nicht gesehen, freue
mich aber sehr darauf. für den mann habe ich eine Art von enthusiasmus.
neipperg kam diesen Abend von leutomischel zurück, wo am 19. die hoch-
zeit war, ich war noch im letzten Augenblicke halb entschlossen hinzufah-
ren, und unterließ es bloß des schlechten Wetters halber. mit neipperg ist
castle von mailand gekommen und hat heute seine erste phrenologische
vorlesung gegeben, ich war dabey, er beabsichtigt sein großes Werk näch-
stens in stuttgart erscheinen zu lassen, worin er den Zusammenhang der
Phrenologie mit der lehre fouriers darthun will.1 ich habe auch subscribirt.
der kronprinz von Würtemberg ist hier und wird hier und in ungarn
einen ungefähr 4 wöchentlichen Aufenthalt machen. neulich war ihm zu
ehren einer der gewöhnlichen langweiligen kammerbälle, überhaupt kann
ich es nicht sagen, wie mir diese abgedroschenen großen routs etc. beson-
ders hier unausstehlich sind, wo so gar keine Abwechselung, keine Anre-
gung irgend einer Art vorhanden ist. und doch laufen und rennen hier die
leute darnach, als wären sie das non plus ultra von unterhaltung. es ist
mir noch keine gesellschaft vorgekommen, welche in jeder geistigen Be-
ziehung: verstand, Bildung, kunstsinn und geschmack, gutem ton, groß-
artiger lebensauffassung und moralischer kraft (in meinem sinne) tiefer
stünde als die hiesige. die wenigen menschen, die eine Ausnahme bilden,
und wozu ich vor Allen emerich Bethlen zähle, ziehen sich von ihr zurück.
fanny elssler tanzt gegenwärtig hier und erregt zwar keinen enthusi-
asmus, aber doch großen Beyfall, mir gefällt sie ebensowenig als früher in
mailand, was beweist, daß mein urtheil damals kein bestochenes war.
Was mich jetzt am meisten drückt, ist meine unthätigkeit. denn das
Aktenschmieren (welches übrigens auch nicht viele Zeit wegnimmt) nenne
ich keine thätigkeit, es ist wie das stricken bey den Weibern.
[Wien] 30. April
es ist jetzt die Zeit, zu der alles, was nur halbweges kann, aus den Provin-
zen nach Wien kömmt. dazu kömmt dieses Jahr die kunst-, welche am 1.,
und die industrieausstellung, die am 15. eröffnet wird, ebenso die thier-
ausstellung im Augarten.
gabrielle ist seit vorgestern hier und geht übermorgen wieder nach leu-
tomischel zurück, sie kam mit caroline Waldstein, welche bey fürstinn
1 michael Arthur castle, die Phrenologie (stuttgart 1845).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien