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Mai 1845
marschirte, unter großem Jubel und Zulauf der Brünner, richard Belcredi,
den eifrigsten Praktikanten unter der sonne, der mir aber ganz wie eine
verkümmernde Glashauspflanze vorkömmt, Josephine Troyer etc.
mittlerweilen war in Wien mein umzug vollzogen worden, und ich wohne
jetzt in der riemerstrasse, jedoch nur auf kurze Zeit, und debattire gerade,
ob ich nicht für den sommer ganz aufs land ziehen soll.
Jetty neipperg ist hier, schöner und lieblicher als je, sie gefällt allgemein,
weniger caroline, welche auch wirklich sehr abgenommen hat.1 neulich spei-
sten wir Alle miteinander bey marie lobkowitz. vorgestern war das lang-
weilige glashaus déjeuner bey hofe, wo Jetti wieder allgemeines Aufsehen
erregte. gustav [neipperg] geht übermorgen fort, nach stuttgart, und nimmt
castle mit, der die correctur seines dort erscheinenden Werkes besorgen
will. castle hat neulich mein examen gemacht, welches aber unglücklich
ausfiel, er war schon bey der Organographie ganz stutzig geworden und
meinte, meine Analyse würde ihm sehr schwer fallen. diese ist nun über-
haupt ziemlich vag und ganz unzureichend, um ein nur halbwegs vollständi-
ges Bild von irgend einem charakter zu geben, und ist nun vollends gänzlich
vergriffen. ich schrieb meine ideen darüber am selben tage nieder, an dem
ich seine Arbeit erhielt, es ist einiges Wahre in ihr, viel unrichtiges, und die
hauptsachen, die pivots meines charakters sind gänzlich übergangen, näm-
lich: a. ehrgeitz, b. drang nach thätigkeit und c. unabhängigkeitsliebe.
ich halte also dieß Portrait für total verfehlt, was mich aber nicht hindert,
die frappante Ähnlichkeit seiner meisten andern Arbeiten anzuerkennen.
ohnehin halte ich nichts auf die Phrenologie als Wissenschaft, desto mehr
hingegen auf das individuelle gleichsam magnetische Perceptionsvermögen
castle’s. er hat neulich dr. list analysirt und wird es im drucke herausge-
ben.2 neipperg ist über diese Analyse ganz exaltiert, was aber nichts sagen
will, er ist überhaupt wie ein Wachs, in welchem sich fremde körper ab-
drucken, jedoch mit viel geist und lebhaftigkeit.
gestern war dem kronprinzen von Würtemberg (welcher par parenthèse
mir den eindruck eines eingebildeten, langweiligen und sehr beschränkten
1 Die Schwestern Henriette, verheiratete Gräfin Neipperg, und Caroline Gräfin Waldstein-
Wartenberg, cousinen Andrians.
2 Am 13.6.1846 berichtet Andrian, dass graf erwin neipperg ihn um die vermittlung der
drucklegung dieser Analyse des nationalökonomen friedrich list ersuchte. sie wurde je-
doch vom hamburger verleger Julius campe abgelehnt (vgl. eintrag v. 15.7.1846). dage-
gen wurde eine phrenologische Analyse des Pianisten und komponisten franz liszt pub-
liziert: michael castle, etude Phrenologique sur le caractère originel et Actuel de mr.
François Liszt, Suivie D’Un Appendice De Notes Contenant des observations analytiques
sur divers sujets de la Philosophie et Particulièrement sur l’Art et le talent musical
(mailand 1847).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien