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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 515 -
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51510. Mai 1845 marschirte, unter großem Jubel und Zulauf der Brünner, richard Belcredi, den eifrigsten Praktikanten unter der sonne, der mir aber ganz wie eine verkümmernde Glashauspflanze vorkömmt, Josephine Troyer etc. mittlerweilen war in Wien mein umzug vollzogen worden, und ich wohne jetzt in der riemerstrasse, jedoch nur auf kurze Zeit, und debattire gerade, ob ich nicht für den sommer ganz aufs land ziehen soll. Jetty neipperg ist hier, schöner und lieblicher als je, sie gefällt allgemein, weniger caroline, welche auch wirklich sehr abgenommen hat.1 neulich spei- sten wir Alle miteinander bey marie lobkowitz. vorgestern war das lang- weilige glashaus déjeuner bey hofe, wo Jetti wieder allgemeines Aufsehen erregte. gustav [neipperg] geht übermorgen fort, nach stuttgart, und nimmt castle mit, der die correctur seines dort erscheinenden Werkes besorgen will. castle hat neulich mein examen gemacht, welches aber unglücklich ausfiel, er war schon bey der Organographie ganz stutzig geworden und meinte, meine Analyse würde ihm sehr schwer fallen. diese ist nun über- haupt ziemlich vag und ganz unzureichend, um ein nur halbwegs vollständi- ges Bild von irgend einem charakter zu geben, und ist nun vollends gänzlich vergriffen. ich schrieb meine ideen darüber am selben tage nieder, an dem ich seine Arbeit erhielt, es ist einiges Wahre in ihr, viel unrichtiges, und die hauptsachen, die pivots meines charakters sind gänzlich übergangen, näm- lich: a. ehrgeitz, b. drang nach thätigkeit und c. unabhängigkeitsliebe. ich halte also dieß Portrait für total verfehlt, was mich aber nicht hindert, die frappante Ähnlichkeit seiner meisten andern Arbeiten anzuerkennen. ohnehin halte ich nichts auf die Phrenologie als Wissenschaft, desto mehr hingegen auf das individuelle gleichsam magnetische Perceptionsvermögen castle’s. er hat neulich dr. list analysirt und wird es im drucke herausge- ben.2 neipperg ist über diese Analyse ganz exaltiert, was aber nichts sagen will, er ist überhaupt wie ein Wachs, in welchem sich fremde körper ab- drucken, jedoch mit viel geist und lebhaftigkeit. gestern war dem kronprinzen von Würtemberg (welcher par parenthèse mir den eindruck eines eingebildeten, langweiligen und sehr beschränkten 1 Die Schwestern Henriette, verheiratete Gräfin Neipperg, und Caroline Gräfin Waldstein- Wartenberg, cousinen Andrians. 2 Am 13.6.1846 berichtet Andrian, dass graf erwin neipperg ihn um die vermittlung der drucklegung dieser Analyse des nationalökonomen friedrich list ersuchte. sie wurde je- doch vom hamburger verleger Julius campe abgelehnt (vgl. eintrag v. 15.7.1846). dage- gen wurde eine phrenologische Analyse des Pianisten und komponisten franz liszt pub- liziert: michael castle, etude Phrenologique sur le caractère originel et Actuel de mr. François Liszt, Suivie D’Un Appendice De Notes Contenant des observations analytiques sur divers sujets de la Philosophie et Particulièrement sur l’Art et le talent musical (mailand 1847).
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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