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Tagebücher516
laffen macht) zu ehren bey tettenborn eine soirée, wo ich der liebenswür-
digen louise neumann die cour machte, ohne ihr jedoch von meinem mir
noch immer unerklärlichen faschingsromane zu sprechen. Auch ihre mut-
ter mad. haitzinger war da, eine sehr geistreiche und interessante frau.
vergangenen montag gab man im schönbrunner theater eine franzö-
sische vorstellung zum Besten der überschwemmten in Böhmen und
gallizien. man gab la barbe bleue und la peau du lion, fürstin clary war
magnifique, OSullivan und Alexander Czartoryski spielten wie vollendete
künstler, desto ungeschickter war edmund clary, und nie habe ich etwas
so indecentes gesehen als edmund Zichy’s erscheinung, im ganzen war
der spaß theuer und langweilig.
es ist jetzt eine deputation der böhmischen stände hier (Adolph und
fritz schwarzenberg, hugo salm, carlos Auersperg, Albert nostitz, rudolf
morzin, fritz deym, Joseph thun, leopold thun, christl Waldstein, Bo-
husch, Prälat der kreuzherrn,1 vicebürgermeister von Prag), um einige Be-
schwerden und Bitten vorzutragen, es ist ihr altes recht, jährlich einmahl
eine deputation an den thron zu schicken, welches sie heuer zum ersten
mahle wieder ausüben, nachdem man es ihnen lange verwehren wollte. sie
fuhren neulich feyerlich bey hofe auf.
die kunstausstellung ist seit 5. eröffnet und unter aller kritik,2 ein
paar landschaften von gauermann, steinfeld und tremmel ausgenommen
nichts als mist.
[Wien] 22. mai
die feyerliche Prozession, welche heute als am frohnleichnamstage hätte
Statt finden sollen, ist diesen Morgen des Regens halber abgesagt worden
und ward in den gängen der Burg gehalten.
überhaupt ist das ein schandhafter may, fast alle tage regnet es und ist
dabey so kalt, daß man nur im überrock ausgehen kann. fourier’s dégrada-
tion des climatures geht wirklich in erfüllung. es hat diesen monath einen
einzigen schönen warmen tag gegeben, und das war der 2. unter diesen
umständen ist auch der Prater sehr leer, die vegetation sehr zurück, und
ich konnte noch nicht draußen frühstücken, was seit jeher mein summum
bonum in Wien war.
vorige Woche sind neippergs und caroline W[aldstein] fort, es waren
eine unzahl leute auf der eisenbahn, um ihnen Adieu zu sagen, darunter
1 gemeint sind der gutsbesitzer Wenzel Bohusch ritter v. ottoschütz, mitglied des perma-
nenten ständischen landesausschusses, und Jakob Beer, großmeister, nicht Prälat, des
ordens der kreuzherren vom roten stern in Prag.
2 die Jahresausstellung der Akademie der bildenden künste.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien