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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 521 -
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52114. Juni 1845 genheit zu seyn, da sie noch immer keine erklärung von sich gegeben hat. canitz ist verlegen und weiß nicht, was er sagen soll, tettenborn nimmt die sache sehr übel und sagt, die Aufregung in süddeutschland sey so groß, daß sie zu unangenehmen complicationen führen könnte. es ist aber auch unbegreiflich, wie die preußische Regierung einen solchen nicht nur unge- rechten, sondern auch höchst unpolitischen und besonders mit Preußens interesse und Politik im Widerspruch stehenden schritt thun konnte. der famose hurter, ehemals Antistes zu schaffhausen, jetzt katholik, ist hier und findet viele hohe Freunde, Fürst Metternich, der sächsische schulenburg etc., ein sohn von ihm, der hier in der ingénieurakademie ist, trat kürzlich in der capelle der nunciatur zum catholicismus über. Auch die gewerbeausstellung führt viele fremde nach Wien, neulich lernte ich den bayerischen regierungsrath Baron Welden kennen, den seine regierung deßwegen hieher geschickt hat. von Preußen sollen näch- stens viebahn und reden kommen. der hiesige landtag ist seit 8 tagen versammelt, und seine sitzungen (leider bey verschlossenen thüren) sollen sehr interessant seyn, es soll vortreffliche Redner geben, und überhaupt die Dinge sehr gründlich be- handelt werden, welches das resultat des sogenannten lesezimmers seyn soll,1 wovon man in neuster Zeit (es datirt seit 1 1/2 Jahren) so viel lär- men gemacht hat, und worin jeder Gegenstand vorläufig besprochen wird. es soll viel einigkeit zwischen den verschiedenen ständen herrschen. sie haben so eben eine energische Petition (von Baron doblhof verfaßt) an den thron gerichtet, worin sie ihr altes recht: über sämmtliche gesetze vorläufig befragt zu werden (Beyrath), revindiciren. Wegen der Abnahme der criminalgerichtsbarkeit von den herrschaftsgerichten und deren Zu- weisung an die städtischen magistrate wollen sie protestiren, indem sie darin mit recht keinen fortschritt erblicken. die Absicht der regierung aber soll seyn, auf diesem Wege ein öffentliches schlußverfahren und die Aufstellung von Anwälten für den Beschuldigten zu erzielen? überhaupt scheint bisher die ganze tendenz der stände mehr gegen die Bureaukratie zu gehen, und das ist schon sehr viel, und aus diesem Conflicte könnte das heil des ganzen entstehen. eine komische geschichte ward neulich bey metternich erzählt: der amerikanische gesandte m. Jennifer (welcher übrigens vom neuen Präsi- denten bereits abberufen worden ist) bath neulich den fürsten um erlaub- niß, seiner frau ein cadeau machen zu dürfen, und brachte ihr dann einen spatzierstock mit Porzellanknopf, worauf ein nackter Weiberschenkel ge- mahlt war, und als fürstinn melanie um etwas zu sagen meinte, das wäre 1 der 1841 gegründete juridisch-politische leseverein in Wien.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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