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Juni 1845
genheit zu seyn, da sie noch immer keine erklärung von sich gegeben hat.
canitz ist verlegen und weiß nicht, was er sagen soll, tettenborn nimmt
die sache sehr übel und sagt, die Aufregung in süddeutschland sey so groß,
daß sie zu unangenehmen complicationen führen könnte. es ist aber auch
unbegreiflich, wie die preußische Regierung einen solchen nicht nur unge-
rechten, sondern auch höchst unpolitischen und besonders mit Preußens
interesse und Politik im Widerspruch stehenden schritt thun konnte.
der famose hurter, ehemals Antistes zu schaffhausen, jetzt katholik,
ist hier und findet viele hohe Freunde, Fürst Metternich, der sächsische
schulenburg etc., ein sohn von ihm, der hier in der ingénieurakademie ist,
trat kürzlich in der capelle der nunciatur zum catholicismus über.
Auch die gewerbeausstellung führt viele fremde nach Wien, neulich
lernte ich den bayerischen regierungsrath Baron Welden kennen, den
seine regierung deßwegen hieher geschickt hat. von Preußen sollen näch-
stens viebahn und reden kommen.
der hiesige landtag ist seit 8 tagen versammelt, und seine sitzungen
(leider bey verschlossenen thüren) sollen sehr interessant seyn, es soll
vortreffliche Redner geben, und überhaupt die Dinge sehr gründlich be-
handelt werden, welches das resultat des sogenannten lesezimmers seyn
soll,1 wovon man in neuster Zeit (es datirt seit 1 1/2 Jahren) so viel lär-
men gemacht hat, und worin jeder Gegenstand vorläufig besprochen wird.
es soll viel einigkeit zwischen den verschiedenen ständen herrschen. sie
haben so eben eine energische Petition (von Baron doblhof verfaßt) an
den thron gerichtet, worin sie ihr altes recht: über sämmtliche gesetze
vorläufig befragt zu werden (Beyrath), revindiciren. Wegen der Abnahme
der criminalgerichtsbarkeit von den herrschaftsgerichten und deren Zu-
weisung an die städtischen magistrate wollen sie protestiren, indem sie
darin mit recht keinen fortschritt erblicken. die Absicht der regierung
aber soll seyn, auf diesem Wege ein öffentliches schlußverfahren und die
Aufstellung von Anwälten für den Beschuldigten zu erzielen? überhaupt
scheint bisher die ganze tendenz der stände mehr gegen die Bureaukratie
zu gehen, und das ist schon sehr viel, und aus diesem Conflicte könnte das
heil des ganzen entstehen.
eine komische geschichte ward neulich bey metternich erzählt: der
amerikanische gesandte m. Jennifer (welcher übrigens vom neuen Präsi-
denten bereits abberufen worden ist) bath neulich den fürsten um erlaub-
niß, seiner frau ein cadeau machen zu dürfen, und brachte ihr dann einen
spatzierstock mit Porzellanknopf, worauf ein nackter Weiberschenkel ge-
mahlt war, und als fürstinn melanie um etwas zu sagen meinte, das wäre
1 der 1841 gegründete juridisch-politische leseverein in Wien.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien