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Tagebücher528
l. Wollner war ein paar mahle bey mir auf ein goûter, sie ist ein recht
herziges liebes ding, aber doch wie Alle ihres gleichen leichtsinnig, herzlos
und habsüchtig, und ich bedaure reischach, sich in sie ernsthaft verliebt zu
haben.
neulich machte ich eine recht angenehme Bekanntschaft, die des dr.
malfatti und seiner 2 hübschen töchter, die hier unweit hitzing wohnen.
[unter sankt veit bei Wien] 12. August
ich war in diesen 14 tagen ein paar male in Baden, wo es eine menge
Bekannter und darunter emerich Bethlen gibt. das erste mahl gab es be-
leuchteten Park und franzl Palffy’s musik, dazu ein schlechtes theater,
goûter im doppelhofe,1 ein paar hübsche harfenistinnen als lionnes du
jour, und neulich großer reunionball, wo ich sogar, um clementine taaffe
(Amade) ein vis-à-vis zu machen, mit der jungen hohenlohe tanzen mußte.
tags darauf ein nachmittag in indien auf der hauswiese, früher großer
sonntagspark. Abends stubenmädchenball bey der stadt Wien, und end-
lich, weil ich keine Wohnung fand, mußte ich bey Anton csáky übernach-
ten. gestern endlich als am 3. tage fuhr ich mit Bethlen und constant
Palffy nach vöslau in die schöne Badeanstalt, von da per eisenbahn in die
nicht minder schöne Brühl, wo wir unter Andern f. kolowrat und seine
maitresse besuchten, und Abends nach hause. solche excursionen sind
recht hübsch, wenn sie nicht mehr als 1, höchstens 2 tage dauern, sonst
werden sie mir langweilig, weil ich dann gleich wieder das Bedürfniß fühle,
allein zu seyn. niemand ist weniger zu einem kameradschaftlichen leben
gemacht als ich.
neulich war ich schon auf dem Punkte, für einige tage nach Pistyan zu
reisen, wie ich es Adèle Zichy versprochen hatte, und gab es nur deßwegen
auf, weil das kleine dampfboot im donaucanale nicht ging.
vor ein paar tagen dinirte ich mit leni Wollner am rosenhügel, recht
angenehm. vorigen sonntag den 3. machte ich ganz allein eine große und
sehr schöne fußpromenade von der mauer über kalchsburg und rothen-
stadel nach Breitenfurt, von da übers gebirge nach kaltenleutgeben, ro-
daun nach mauer zurück, wo ich bey troyers große gesellschaft fand.
gleich als ich den tod der armen Jetty [neipperg] erfahren hatte, schrieb
ich an erwein, um ihm meine innige theilnahme an seinem verluste aus-
zudrücken. neulich erhielt ich seine Antwort, welche ebenso tiefgebeugt als
klar und ruhig war. in demselben sinne hatte er neulich an flore geschrie-
ben, es thut einem wohl, eine so ruhige fassung und so viele klarheit in
dem tiefsten Schmerze bey einem Menschen zu finden.
1 gemeint ist wohl das restaurant doblhoff im gleichnamigen Park in Baden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien