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August 1845
im übrigen lebe ich hier recht angenehm, die schönheit meines landauf-
enthaltes und besonders die Abwechslung, welche dadurch in mein tägli-
ches leben kömmt, da kaum ein tag dem andern gleich sieht bey den vielen
Excursionen, Promenaden und besonders meinen sehr häufigen Besuchen
der stadt, wo ich 2–3 mal die Woche und an den freytagen der sitzungen
wegen immer hineinfahre.
man sprach in diesen tagen viel von einer geschichte eines hiesigen Ju-
den und reichgewordenen Börsenspekulanten Blühdorn, welcher die chur-
fürstinn von Bayern, deren Pferde im vorfahren seinen Wagen gestreift ha-
ben sollen, in schönbrunn beym Aussteigen förmlich insultirte, seine strafe
war null, und das mißbillige ich. diese hundejuden werden mit jedem tage
impertinenter und sind uns ohnehin schon beynahe über den kopf gewach-
sen. es wird schamlos auf der Börse gespielt, und die verwaltung sieht da
zu. überhaupt ist mein glaube an kübeck’s finanztalent sehr erschüttert
worden. es ist nun bestimmt worden, daß bis 1850 keine neue eisenbahn
concessionirt werden soll, und das ist nun wieder eine nahrung mehr für
die spielwuth, da die Actien seitdem enorm steigen.
An politischen ereignissen ist es jetzt ziemlich still, dagegen beschäftigt
sich Alles mit den Festen, welche eben jetzt am Rheine stattfinden sollen.
königin victoria sollte am 11. in cöln ankommen und 6 tage am rheine
bleiben.
Weniger froh aber sind die nachrichten aus croatien, wo die Parteywuth
täglich steigt, bey der letzten restauration1 vor 14 tagen feuerte das mili-
tair (ob gezwungen oder nicht? hat sich noch nicht herausgestellt), und es
gab über 20 todte und 50 Blessirte. eine deputation ist hier, um satisfac-
tion zu verlangen. haller begehrt schon seit monathen unaufhörlich seine
entlassung.
[unter sankt veit bei Wien] 20. August
Alles ist jetzt in Prag, heute wird die eisenbahn von olmütz dahin eröffnet.
erzherzog franz carl und der Palatinus, das ganze diplomatische corps
etc. sind schon gestern nach olmütz, wo ein volksfest statthaben sollte. 2
tage werden in Prag unter feyerlichkeiten zugebracht, und dann die rück-
fahrt angetreten. die schattenseite der sache aber ist, daß, wer keine ex-
cellenz ist, keinen Bedienten mit sich nehmen darf.
stefferl szechenyi ist, incredibile dictu noch vor wenig Jahren, geheim-
rath geworden als statthaltereyrath und Präsident der section für stras-
sen und Wege, cum qua clauditur adversis innoxia simia fatis. diese excel-
lenzenschaft übt überhaupt eine magische Anziehung aus. georges karoly,
1 restauratio (tisztújítás), die (Wieder-)Wahl der komitatsfunktionäre.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien