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August 1845
Jesuiten für nothwendig, um la bon vieux tems wieder herbeyzuführen und
den revolutionären geist auszurotten, als ob das möglich wäre, ersteres zu
erreichen ohne die feudalen rechte, den alleinigen grundbesitz des Adels
und seinen überwiegenden reichthum, und um das mißtrauen und den
haß zwischen den einzelnen ständen zu beseitigen, ist nichts andres zu
thun, als einem jeden derselben seine verfassungsmäßige stellung zu ge-
ben. dann hört mit dem hasse auch der revolutionsgeist wenigstens fürs
erste auf, ewig ist aber auf dieser Welt nichts.
ein Punkt aber, worin alle Partheyen und namentlich auch diese aristo-
cratischreligiöse übereinstimmen, das ist der haß gegen die Büreaukratie,
und insoferne kann man auch diese Partey gebrauchen.
meine Abende bringe ich da und dort zu, ohne darum je in verlegen-
heit zu kommen. manchmal bey fünfkirchen, bey malfatti, wo ich mitunter
recht gescheidte leute, so neulich den hofastronomen dr. hoffer treffe, etc.
mitunter gehe ich zu Baron friesenhof, der dicht neben mir wohnt und
eine gute haut von einer russinn zur frau hat, neulich war ich Abends bey
mimi Praschma, einmahl bey sedlnitzky, die in hitzing wohnen und täglich
leute sehen, dann einmahl in mauer bey lodron etc. Zuweilen ist musik bey
dommayer etc. Anfangs sah ich carl hügel, meinen nachbarn, öfters, doch
ist er jetzt in holland. so oft ich aber kann, fahre ich nach Baden, wo eme-
rich Bethlen sitzt, und rede mich mit ihm aus, er ist der einzige mensch in
diesem lande, mit dem ich es thun kann, er hat jetzt trübe todesahnungen,
und leider muß ich sagen, daß ich sie beynahe theile, er ist der erste mann,
für den ich eine Art von freundschaft empfunden habe. doch scheint er in
den langen Jahren, welche zwischen unserer frühern und unserer jetzigen
Bekanntschaft liegen, viel trauriges erlebt zu haben, welches ihn vor der
Zeit gealtert hat, doch schweigt er darüber. er arbeitet jetzt an dem cadre
für ein großes Werk: eine Beleuchtung der Weltgeschichte in seiner (und
wohl kann ich es sagen) in unsrem d.i. fourieristischen sinne, und will es
bey seinem tode, den er in einem Jahre erwartet, mir hinterlassen.
ich sagte: in unsrem sinne, und so ist es, nach und nach, mir selber un-
vermerkt und bloß durch ein unwillkürliches Auskochen des samens, wel-
chen die lecture fouriers in diesem Winter und frühjahre (denn seitdem
habe ich damit pausirt) in meine seele geworfen hat, bin ich ein warmer
Bewunderer dieses großen geistes und ein stiller Anhänger seiner lehre
geworden, seine lehre en bloc, nicht einzelne unwesentliche theorieen,
und fühle mich durch den neuen glauben beruhigt, gestärkt und erhoben.
consolidirt sich, wie ich hoffe, diese überzeugung in mir, so bin ich endlich
einig mit mir selbst geworden und stehe über dem gewühle, statt in dem-
selben zu stehen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien