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Tagebücher532
[unter sankt veit bei Wien] 1. september
mein unruhiger geist, der auch die materielle locomotion zu seinen wesent-
lichen Bedürfnissen zählt, treibt mich manchmal, wenn ich schon zu lange
an einem flecke gesessen, zu ziel- und zwecklosen irrfahrten durch das
land. so geschah es auch in diesen tagen. Am 24. fuhr ich per dampfschiff
nach Pressburg, von da tags darauf auf langweiligen staubigten Wegen über
tyrnau nach Pystian, wo meine arme schwester Albertine sich den tod ge-
holt hat. die erste idee dahin zu fahren hatte mir Adèle Zichy dieses frühjahr
gegeben, welche seit Jahren dort eine Art von lady patroness ist und mich en-
gagirte dahin zu kommen. nun reizte es mich, einmahl einen échantillon des
ungarischen land- und Badelebens kennen zu lernen. noch im Juny hatte
ich carl esterhazy zu seiner feyerlichen installation nach raab begleiten,
dann im July meinen Ausflug nach Pystian und zugleich nach Pesth unter-
nehmen wollen, von allem dem kam aus verschiedenen ursachen nichts zu
stande, und nun ging es mir wie Allen, die lange fragen und sich entschlie-
ßen: ich kam zu spät. Adèle Zichy und mit ihr die crême der Badegäste waren
fort, und von Bekannten niemand als Adolph königsegg und seine mutter,
doch blieb ich 2 tage, den ersten mich ziemlich langweilend, am 2. ging es
besser, grâce zwey lustigen ordinairen Weibern, frau v. dickmann aus kla-
genfurt, und ihrer schwester Baronin koudelka, an die ich mich in meiner
Verzweiflung hing. Dabey wohnt und ißt man spottschlecht, bekömmt die
Wiener Zeitungen nach 8 tagen und glaubt sich überhaupt 1000 meilen weit
von aller civilisation. Alle andern Projekte zu visiten in der gegend schei-
terten, in szered waren weder carl noch toni esterhazy anwesend, in lan-
chitz nur Gräfinn Hélène Esterhazy krank etc., und so fuhr ich wieder nach
Pressburg und von da per dampfschiff stromaufwärts (eine höchst langwei-
lige fahrt) nach Wien zurück, und dennoch vergnügt, 4–5 tage verfahren zu
haben. vorgestern und gestern war ich in Baden bey emerich Bethlen, an
den ich mich immer mehr gewöhne. vorgestern war ein höchst langweiliger
réunionball, der mir nur dadurch amusant wurde, weil Bethlen, der etwas
über gebühr getrunken hatte, uns eine der lustigsten scenen zum Besten
gab, die ich erlebt habe. Wir gingen auf die straße (Bethlen, der junge Prinz
von lucca und Bela csáky als Acteurs, des Prinzen kammerherr, Arnstein
und ich als Zuseher und quasi hofmeister, damit kein scandal geschehe),
in den Park, etc. und da trieb Bethlen die drolligsten excesse, wollte dem
Bürgermeister mit Zwanzigern1 die fenster einwerfen, hielt die fiaker an
und sprach mit ihnen französisch (kennen sie den cabrera?), sprach ein kau-
derwälsches englisch etc. Als dann die Polizey kam, verbeugte er sich bis zur
erde und hielt ihr eine Anrede aus schiller etc.
1 Die 20 Kreuzer-Münze, die wichtigste im Umlauf befindliche Silbermünze.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien