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Tagebücher536
ein glücklicher tag, heute ist mondschein! redacteur ist Andreas schuma-
cher.
heute (18.) war ich mit meiner schönen elise [hrachowitz] in Petzelsdorf,
wo Park und Aussicht superbe sind.
[unter sankt veit bei Wien] 27. september
es ist schon recht unangenehm herbstlich, zwar meist schönes Wetter, aber
windig, neblicht und kalt. der landaufenthalt wird einem unter diesen
umständen ziemlich verleidet, und doch kann ich vor ende oktober kaum
hoffen, in meine neue stadtwohnung einziehen zu können, so weit sind die
Arbeiten darin noch zurück. sollte es hier übrigens zu unangenehm [wer-
den], so werde ich vielleicht um die mitte october zu eduard A[ndrian] nach
Bayern auf 14 tage gehen.
morgen nehmen auch die manœuvers ein ende und mit ihnen das lager
hier in der nähe, wir hatten in dieser letzten Zeit fast täglich dergleichen
militärische spectakel vor unsern fenstern.
ich habe so eben gutzkows Wiener eindrücke (er war dieses frühjahr
hier) gelesen.1 Was er über oesterreichs Politik und die unverantwortlich-
keit derselben und über fürst metternichs miserabilität sagt, ist wahr und
treffend. Aber unbegreiflich ist mir, wie er und mit ihm alle fremde, die über
oesterreich schreiben, sich über die macht und stellung des Adels bey uns
solche illusionen machen können, daß sie im ernste glauben, der Adel sey
hier all- oder doch wenigstens übermächtig, während er doch unterdrückt
ist, und nur das Beamtengesindel gewalt hat.
gestern sah ich bey friesenhof eine junge russinn, welche mir so gefallen
hat wie schon lange niemand, und die mich vielleicht wieder jung machen
könnte, wenn sie nicht schon morgen abreiste, es ist eine mlle de stolypine,
schwester des mungo [?] stolypine, den ich 1843 in BadenBaden kannte,
hoffräulein der verstorbenen großfürstinn Alexandra und gegenwärtig von
der kaiserinn nach Palermo zitirt, um dort mit ihr den Winter zuzubringen.
eine charmante junge Person, die mir auch durch ihre verzweiflung gefiel,
aus rußland, das sie noch nie verlassen hatte, weg zu müssen.
nach und nach kehren die großen staatsmänner wieder heim. fürst met-
ternich kam vorgestern.
carl langenau ist in genua, wo er mit dem herzoge von nassau war und
mit ihm den Winter in italien zubringen sollte, plötzlich gestorben, ein sehr
frappanter fall.
1 Erschienen in Karl Gutzkow, Gesammelte Werke. Bd. 3 (Frankfurt 1845); sie führten zum
verbot der gesammelten Werke in österreich, außerdem wurden seine stücke nicht mehr
am Burgtheater aufgeführt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien