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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 551 -
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55127. Dezember 1845 sens,1 durchgearbeitet. ein mystisches unverständliches Zeug voll hindo- stanischer und medizinischer gelehrsamkeit, voll Phantasie und mitunter geniale funken, aber im ganzen doch meiner Ansicht nach ein unsinn. das Wetter ist noch immer so wie ein schöner oktober, mit Ausnahme zweyer tage schön und warm. von Zeit zu Zeit, jedoch ziemlich selten, weil unsere stunden nicht zu- sammenpassen, besuche ich den guten alten daiser, der mit seiner höflichen förmlichkeit, seiner verehrung für hof und Adel und seinen zierlichen, manchmal etwas langweiligen redensarten ganz das Bild der alten staats- kanzley ist, wie sie in den Jahren 1805–15 war, ehe die Bureaucraten auch hier die oberhand erlangten. dabey ist er aber so durch und durch gerad- sinnig und edeldenkend, daß es eine freude ist mit ihm zu reden. neulich hatten wir einen starken Zusammenstoß, weil er in hergebrachter Weise von dem großen staatsmanne fürst metternich sprach, ich aber setzte ihn darüber so presse-collet, daß er behauptete, es sey grausam, Jemanden so zwischen seine Zunge und sein herz einzuklemmen, denn dieses letztere stimme mir bey. [Wien] 27. dezember das tagesgespräch ist jetzt der kaiser von rußland, welcher morgen oder übermorgen hier erwartet wird. man weiß noch immer nicht, wie lange er bleiben, ob er in der Burg oder bey medem wohnen wird etc. daß er in rom dem Pabste die hand küßte, hat hier das dumme volk (will sagen: die höch- sten und hohen) breitgeschlagen, übrigens ist ohnehin kein Zweifel, daß ein ganzer mann wie kaiser nicolaus solche Jammergestalten, wie unsere herren sind, um den finger wickeln wird. es wird denn auch immer wahr- scheinlicher, daß erzherzog stephan trotz aller seiner rodomontaden dann doch daran müssen wird.2 das englische cabinett ist noch nicht reconstituirt, heute hieß es, russell sey es endlich gelungen. Abends soll ein courier gekommen seyn mit der ent- gegengesetzten nachricht. ich sagte es gleich Anfangs und glaube es noch, daß Peel mit einem neuen und in sich einigeren ministerium wieder eintre- ten wird. lord John russell würde nicht 6 monathe im Amte bleiben und ist zu gescheidt, um sich dem auszusetzen, was aber nach Aufhebung der korngesetze aus der englischen Aristokratie (landed interest) werden wird, daß weiß gott, ich würde ihren fall wie einen persönlichen verlust ansehen, 1 Johann malfatti, studien über Anarchie und hierarchie des Wissens mit besonderer Bezie- hung auf die medicin (leipzig 1845). 2 gemeint ist eine letztlich nicht zustande gekommene heirat mit großfürstin olga, einer tochter von Zar nikolaus i.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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