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gen Besuch, er übernahm es, den Aufsatz durch die censur zu bringen, über
deren langsamkeit und chicane er bitter klagte, bath nur um Abänderung
des Wortes revolution in Bewegung oder umgestaltung, und bath mich, sei-
nem Blatte fernerhin beyzustehen. er scheint gar niemand zu haben, der
ihm politische Aufsätze liefert. er scheint mir ein gutmüthiger mensch voll
furcht und Zagen.
heute steht in der Beylage der Allgemeinen Zeitung ein Artikel über
thiers’ geschichte ungefähr in dem nämlichen sinne wie der meinige, nur
mehr auf die deutschen Angelegenheiten beschränkt, allgemeiner gehalten,
und hauptsächlich die schlauheit und Perfidie herrn thiers hervorhebend,
als wäre sein Werk ein manifest des Bonapartismus, während ich derber zu
Werke gehe und thiers geradezu für einen lügner und ignoranten erkläre.1
ich habe kolb, der noch immer nicht geantwortet hat, bey gelegenheit der
Zusendung der Annonce meiner Brochure schreiben lassen, er möchte nur
wegen der einrückung das nöthige verfügen. ob es geschieht? dieser Ar-
tikel erscheint mir fast wie ein schlimmes omen. vielleicht stößt er sich an
meiner Anglomanie, vielleicht auch an meinen fourieristischen ideen, wel-
che über das gebiet der tagespolitik hinausgehen, vielleicht auch an der
cavalièren Art, womit ich die deutschen fürsten behandelt habe.
in galizien sind wieder neue umtriebe entdeckt worden, welche auch ver-
zweigungen unter der Armee und den offizieren hatten, und zwar, wie man
sagt, im communistischen sinne! das wird wohl eine fabel seyn. in steyer-
mark gibt es Bauernunruhen wegen verweigerter Zehenten, in Böhmen gab
es spectakel aus Anlaß von kornverkäufen einiger herrschaften, welche die
Bauern verhindern wollten.
der könig von Preußen hat in den neuesten landtagsabschieden wieder
einmahl zu allen Bitten nein gesagt, wie lange kann das noch dauern? wie
wenig versteht der mann seinen wahren vortheil.
in ungarn wird die gährung immer größer, das Pressburger comitat
wollte, wie das Pesther, eine deputation wegen der croatischen Angelegen-
heiten hieher schicken, wurde aber durch ein eigenhändiges königliches
schreiben davon abgemahnt, sie beschlossen demnach, gegen diesen con-
stitutionswidrigen schritt zu protestiren, die deputation zu unterlassen,
dagegen aber ein circulare an sämmtliche komitate zu erlassen, worin sie
eine gemeinschaftliche Adresse an seine majestät um entlassung seiner
minister beantragen. gelingt dieses, so erfolgt eine krisis, doch glaube ich,
1 Allgemeine Zeitung v. 10.1.1846, Beilage 73–76: thiers’ geschichte des consulats und kai-
serreichs. vierter und fünfter Band. die ungezeichnete rezension bezeichnet dasWerk als
„verjüngtes manifest des Bonapartismus“ und „historische schönfärberei“, das beweise, dass
es in frankriech noch genügend leute gäbe, die „nichts vergessen und nichts gelernt haben.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien