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März 1846
übrigens war ich in diesen tagen sehr herabgestimmt, meine nerven sind
in einem zerrütteten Zustande, und zum ersten mahle äußert sich bey mir der
einfluß moralischer Aufregung auf den körper, in folge aller der gedanken,
Projekte und zum theile fehlgeschlagenen unternehmungen ist in mir eine
reaction, eine Abspannung eingetreten, von welcher ich mich noch nicht ganz
erholt habe. ich werde wohl diesen sommer ein seebad brauchen müssen, ob-
wohl mich ein andres Projekt beschäftigt, welches mich mehr anlacht, und das
wäre, ungarn und siebenbürgen en détail zu bereisen und vielleicht in der
folge eine darstellung der verfassung der sachsen in siebenbürgen, dieses
musters einer municipalverfassung und selfgovernment, herauszugeben.
überhaupt geht meine richtung seit einiger Zeit stark nach ungarn. seit
ich die idee aufgegeben habe (gezwungenerweise), durch ein österreichisches
organ auf die öffentliche meinung in österreich zu wirken, habe ich die idee
gefaßt, dieses von ungarn aus zu versuchen, wo die censur doch um einen
grad gelinder ist als hier. ich habe darüber mit emerich Bethlen gesprochen
und durch ihn die nöthigen vorläufigen schritte thun lassen. Auch habe ich
eine Art von Programm entworfen, worin das beabsichtigte unternehmen
in einem der regierung möglichst annehmlichen lichte dargestellt wird,
als handle es sich nämlich um ein organ des deutschen elementes in un-
garn, als Bindungsmittel zwischen diesem lande und der übrigen monar-
chie und zugleich zwischen slavismus und magyarismus in ungarn selbst.
so ist es durch Bethlen eingebracht worden, Josika ist ganz für den Plan ge-
wonnen, und es könnte seyn, daß die sache fortgang fände. dann könnte es
ein brillantes und zukunftsreiches unternehmen werden, denn wir könnten
auf glänzende kräfte (Pulszky, list, lad. teleki etc.) rechnen. vor Allem ist
es nun nothwendig, einen inoffensiven und unverdächtigen strohmann als
namenhergeber zu finden, ich halte mich natürlich vorerst ganz im hinter-
grunde, denn man darf es nicht ahnen, daß die sache eigentlich auf die öster-
reichischen Provinzen gemünzt ist. vielleicht werde ich mit Bethlen näch-
stens in dieser sache nach Pressburg zu casimir esterhazy fahren müssen.
im schlimmsten falle könnte man vielleicht die Preßburger Zeitung kaufen.
gewiß aber ist es, daß alle diese ideen etc. mich in einer fortwährenden
Aufregung erhalten, welche mir dann solche intervalle von prostration de
forces zuwegen bringt.
ich wollt’ es wäre schlafenszeit
und Alles hätt’ ein ende – –1
1 Wohl nach shakespeares heinrich iv. (5. Akt, 1.szene), falstaff: i would ’twere bedtime,
Hal, and all well; in der Übersetzung Wielands: Ich wollt’ es wäre Bettzeit, Hall, und alles
wäre vorbey.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien