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Tagebücher572
kolb hat den Artikel noch nicht gedruckt, wegen hamburg noch immer
nichts, was bedeutet das?
mein äußeres leben ist sehr ruhig, in die Welt (welche übrigens sehr still
ist) gehe ich sehr wenig, ebensowenig ins theater, bin viel zu hause, im club
und bey meiner guten marie Bujanovics, welche ein gar gutes geschöpf ist,
und bey der ich oft den Abend zubringe.
[Wien] 3. April
die polnischen helden, generäle wie volontairs, sind nun alle zurück, nur
gm nobili liegt krank in Biala, übrigens lauten die nachrichten von dort
nichts weniger als beruhigend. die Bauern weigern sich allenthalben zu ro-
bothen, und man will keine energischen maßregeln brauchen, wenn aber die-
ses nicht geschieht, so ist in 3 monathen der ganz Bauernstand galiziens
rebellisch. Ja selbst die revolutionairen umtriebe sollen wieder angehen, und
man sagt, daß der charfreytag zu einem nochmaligen losschlagen bestimmt
sey, dieß letztere mag aber wohl erlogen seyn. der erzherzog ferdi nand ist
ganz verblendet, contrecarrirt alle maßregeln der regierung und behauptet
noch immer, die ganze sache sey ein blinder lärmen gewesen, und die Polen
seyen die loyalsten unterthanen des kaisers!! o schafskopf! und man wagt
es nicht, ihn zu entfernen, weil er ein erzherzog ist. das kommt von den An-
stellungen der erzherzoge, welche jetzt so überhandnehmen.
ficquelmont ist in diesen tagen mit einer auf die polnischen Angelegen-
heiten bezüglichen mission nach Berlin abgegangen. unser dortiger ge-
sandte trautmannsdorf, ein krautesel, soll schon lange durch felix schwar-
zenberg ersetzt werden, aber man will ihn nicht kränken und läßt also lieber
die sachen gehen, wie sie gehen.
übrigens haben die Polen in ungarn sehr viel Anklang gefunden, und
zwar nicht nur unter der opposition, und edmund Zichy wird für seine krie-
gerische Aufwallung manchen strauß im vaterlande zu bestehen haben, ge-
rade in diesen tagen wurde mit genauer noth ein duell verhütet, welches er
aus dieser ursache haben sollte.
lato Wrbna schwadronnirt und déraisonnirt mehr als je, will Alles massa-
kriren lassen, etc. vorgestern begann die italienische oper, maria di rohan,
tadolini, fraschini, collini, sehr gut und viel Applaus.
neulich machte ich bey der reviczky die Bekanntschaft des Pianisten
liszt und begleitete sie am selben Abende in das concert dieses letzteren.
campe schrieb dieser tage um zu erfahren, wer der verfasser der Bro-
schüre über thiers sey? ob er eine Ähnlichkeit in Auffassung oder styl her-
aus gewittert hat? übrigens haben mich schon eine menge leute wegen je-
nes Büchelchens angesprochen, ich sage Allen dasselbe, daß nämlich dieser
Aufsatz Anfangs für die Allgemeine Zeitung (welche mich übrigens seit ein
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien