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Alles dieses seyn müsse, ja daß ich, falls er mir unbekannte ursachen hätte,
um mich nicht vorzuschlagen, ihn bitte, es mir lieber gerade herauszusagen,
weil ich in dem falle ohne weiters meine entlassung nehmen würde. inzaghy
gab mir in seiner Art Worte und versprechungen, und ich beschloß nun, ei-
nige Wochen abzuwarten. Am 4. dieses monats fragte ich den regierungsrath
Böhm um das schicksal meines gesuches und erfuhr, daß es noch immer auf
seinem alten Platze liege, ohne daß der oberste kanzler bisher irgend etwas
darüber verfügt habe. tags darauf reichte ich in kurzen Worten, und ohne
irgend einen grund dafür zu nennen, mein entlassungsgesuch ein und be-
gleitete es mit einem schreiben an graf inzaghy, worin ich ihm die ursachen
dieses meines schrittes auseinandersetzte und ihm bemerklich machte, daß
sogar im allergünstigsten falle eine gewährung meines vor beynahe 2 Jah-
ren gestellten Ansuchens für micht jetzt kaum mehr ein vortheil zu nennen
wäre. gleichzeitig aber ging ich zum erzherzog ludwig, setzte ihn von dem
vorgefallenen in kenntniß und sagte ihm, daß ich hoffe, man und besonders
er würde diesen schritt, welchen ich nothgedrungen thue, nicht falsch beur-
theilen und namentlich nicht ihn einem mangel an Anhänglichkeit, loyali-
tät etc. zuschreiben. der erzherzog war sehr gnädig, wiederholte mir 3 bis 4
mahl, ich dürfe nicht quittiren, er wolle die sache schon beylegen etc. endlich
ließ mich neulich erzherzog stephan, der eben auf einige tage hier ist, zu
sich rufen, redete mir durch 3/4 stunden zu wie ein galgenpater und ver-
langte endlich von mir eine förmliche vollmacht, um die sache mit inzaghy
und Pillersdorff wieder ins reine zu bringen. heute nachmittag bin ich wie-
der zu ihm bestellt, um da die resultate seiner mission zu vernehmen. ich
kann nicht läugnen, daß dieses von seiten des erzherzogs stephan eine ganz
besondere gnade ist, jedoch hielt ich mich so fest als möglich, sagte, daß ich
auf keinen fall den ersten schritt entgegen machen werde etc.
Parallel mit diesen unterhandlungen aber geht ein anderes Projekt, wel-
ches ich schon seit einiger Zeit mit mir herumtrage, und dieses ist, meine
weitere dienstleistung bey der hofkammer fortzusetzen. diese verände-
rung in meiner carrière würde mir nebst der Aussicht, lange, vielleicht sehr
lange, in Wien zu bleiben (welches für mich bey den gegenwärtigen verhält-
nissen die hauptsache ist), auch noch wahrscheinlich ein schnelleres Avan-
cement zuwegen bringen. ich hatte schon früher einige vorläufige schritte
zu diesem Behufe gemacht, seit den letzten ereignissen aber hat mein hof-
rath terlago, welcher mir sehr wohl will und über meinen entschluß zu quit-
tiren ganz consternirt ist, neuerdings mit seinem schwiegervater kübeck
gesprochen, welcher sich ganz mit meinem vorhaben einverstanden erklärt
hat, ich werde nun in diesen tagen selbst zu ihm gehen.
im ganzen bin ich bis jetzt mit den resultaten meines schrittes und mit
dem stande der sache sehr zufrieden, meine gekränkte eitelkeit ist befrie-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien