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Tagebücher582
stein, edmund Zichy, rudolph troyer und ein Baron spiegelfeld per dampf-
schiff abgegangen. später wurden ihnen auf ihr verlangen noch zugetheilt:
montenovo, Josika und moritz Palffy. Jedoch wurden, statt ein eigenes
dampfboot zu ihrer disposition zu stellen, schmutzigerweise blos Plätze für
sie genommen, und zwar nicht einmahl cabinen, da diese schon besetzt wa-
ren, so daß die herrn die ehre haben, in der allgemeinen kajüte zu schlafen.
die russische kaiserinn ist am 9. in venedig angekommen, sie soll überall
durch ihren hochmuth und ihre launen sehr mißfallen haben.
meine gute marie Bujanovics ist weg, ich gehe ziemlich oft zu fürstinn
colloredo, neulich war das alljährliche glashausfest bey hofe und zwar bey
dem herrlichsten Wetter von der Welt. übrigens gerade an dem tage, an
welchem ich meine entlassung begehrte. Alle montage ist Ball bey schwar-
zenberg in der villa, alle samstage bey lichtenstein etc. Also mehr als
nöthig wäre. Bey schwarzenberg war ich neulich.
fanny elssler tanzt jetzt in einem sehr schönen Ballette: esmeralda, sie
ist darin wirklich hinreißend, wie ich selbst trotz meinem alten und im All-
gemeinen noch immer fortdauernden Antagonismus gegen sie bekennen
muß.
gestern sah ich von dem ritter’schen oratorium den feyerlichen ritter-
schlag eines Baron gemmingen als deutschen herrn, eine schöne ceremonie
ganz wie aus dem mittelalter geschnitten. haugwitz als hauptperson war
superb, ganz der tempelherr Brian de Bois guilbert aus ivanhoe. Während
der Zeit machte mir die schöne hausfrau ganz curiose und von mir durchaus
nicht provocirte confidencen.
von hamburg noch immer keine nachrichten. sonderbar!!1 – – –
von Polen nichts neues. erzherzog ferdinand ist noch hier. fritz schwar-
zenberg hatte vor einiger Zeit in seiner gewohnten schreibart einen Aufsatz
über die dortigen ereignisse an die „grenzboten“ geschickt, welcher der re-
daktion Anlaß zu einem ganz klassischen und meisterhaft geschriebenen Ar-
tikel als vorwort und einleitung, resp. refutation gab, worin sie im Wesent-
lichen sagt, daß man den Polen jetzt als Besiegten nicht noch unverdienten
hohn widerfahren lassen und unerwiesene vergiftungs etc. fabeln in die
Welt streuen sollte.2 daß übrigens oesterreichs und Preußens beste Politik
in Polen darin bestehe, das land allmälig zu civilisiren und zu kräftigen, um
es dann seinerzeit als ein unabhängiges Polen, eine vormauer wider ruß-
1 vgl. dazu eintrag v. 13.2.1846.
2 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 5 (1846), i. semester, ii. Bd., 97–111:
Brief eines Reisenden aus und über Galizien; und 112–118: Tagebuch: Randglossen zu dem
vorstehenden Aufsatze und zu noch manchem Andern. der kommentar ist mit i. kuranda
gezeichnet, der Artikel stammt laut einer Redaktionsanmerkung von einem höheren Offi-
zier.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien