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Mai 1846
land und einen dankbaren freund deutschlands frey zu geben. Beyde Auf-
sätze erschienen dann in der Allgemeinen Zeitung (letzterer sehr verstüm-
melt) und gaben hier viel zu reden.
sonstige politische ereignisse gibt es kaum, die liberalen Wahlen in Ba-
den, das elend in irland und die zu nichts führenden debatten darüber so
wie über die kornbill im Parlamente, die dumme Polemik des Journal des
débats mit siècle und constitutionel über das alte thema: le roi règne et
gouverne, das sind noch die merkwürdigsten dinge.
[Wien] 28. mai
meine karieren-krisis scheint sich ihrem ende zu nahen. Am 19. war ich
dann, wie bereits gesagt, zu erzherzog stephan bestellt. dieser erzählte mir
seine unterredungen mit terlago, Pillersdorf und inzaghy. die beyden erste-
ren waren so, daß ich mir sie nicht besser hätte wünschen können. inzaghy
aber benahm sich ganz wie zu erwarten war, nämlich als ein altes Weib. um
gottes willen, warum hat A. diesen schritt gethan? ich bin in der größten
verlegenheit, denn ich wollte seine sache eben vorlegen (!!) und habe daher
sein entlassungsgesuch gar nicht protokoliren lassen (?). reden ihm eure
kaiserliche hoheit zu, daß er es zurücknehme, und ich werde die sache also-
gleich vorlegen. ich fürchtete nur, leo thun dadurch vor den kopf zu stoßen,
daß ich A. früher avancirte als ihn (nebenbei diene ich bedeutend länger, bin
viel länger in meiner jetzigen stellung und in meiner dienstleistung bey der
hofkanzley als er) etc. das ganze gespickt mit einigen boshaften Bemerkun-
gen über meine verwendung etc., welche aber zum glücke vom erzherzog
stephan richtig beurtheilt worden sind, kurz, der ganze mann zeigte sich
so jämmerlich als nur möglich. das facit des ganzen war, daß mir der erz-
herzog zusprach, ich solle nunmehr meine entlassung zurücknehmen, we-
gen meines Wunsches aber, zur hofkammer zu kommen, wolle er bey seiner
rückkehr (denn er ging tags darauf nach Prag, um die russische kaiserinn
zu erwarten, und will vor dem 30. dieses monats wieder hier seyn) mit Baron
kübeck sprechen.
ich überlegte mir nun die sache ganz gemüthlich und ging nach eini-
gen tagen zu Pillersdorff, erzählte diesem Alles was vorgefallen war, und
was der erzherzog mir gesagt hatte. P. versicherte mich, daß mein entlas-
sungsgesuch nicht nur wirklich protokollirt, sondern sogar auf dem Punkte
gewesen war, dem kaiser vorgelegt zu werden, als erzherzog stephan da-
zwischen getreten sey, ein neuer Beweis von inzaghys liebenswürdiger Be-
reitwilligkeit zu meinen gunsten. ich sagte ihm, daß ich unter diesen um-
ständen bey der hofkanzley unmöglich länger dienen könne, daß mir aber
auch die ernennung zum hofsekretär gegenwärtig nicht mehr genüge, daß
ich daher trachten werde, regierungsrath bey der hofkammer, wäre es auch
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien