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Juni 1846
lich hier egbert Belcredi versprochen hatte, nach lösch machte. ich fuhr
nämlich am 9. Abends per eisenbahn nach Brünn, wo ich sehr unbequemer
Weise um 3 uhr früh ankam, daher mir nichts übrig blieb, als noch ein paar
stunden im Wirthshause zu verschlafen. morgens um 8 fuhr ich in einem
fiaker auf schändlichen Wegen nach lösch, wo ich nach 9 ankam. Am 10.,
wo es meistens regnete, und den 11. als dem frohnleichnamstag blieb ich in
lösch mit egbert, seiner mutter und celine, delectirte mich an der Prozes-
sion oder eigentlich an der bunten malerischen tracht der Bauernmädchen,
welche meist sehr hübsch sind und etwas ganz eigenes elegantes haben.
nachmittags kamen Besuche aus Brünn, unter andern eine sehr pikante
Brünette, Baroninn Baillou, geborene gräfinn hadik.
Am 12. mittages begleitete mich egbert in die stadt, wo wir speisten, und
ich dann auf der eisenbahn zurückkehrte und um 1/2 10 Abends hier an-
kam.
egbert ist ein ganz gescheidter, gebildeter und mit sich ins klare gekom-
mener mensch, aus dem etwas tüchtiges werden kann, obwohl er jetzt noch
etwas zu sehr im Allgemeinen und in gemeinplätzen schwebt, er fängt nun,
seit er landwirth geworden,1 an, sich mit Politik und ständischen verhält-
nissen zu beschäftigen, und hat auch darüber eine Art von denkschrift ge-
schrieben, welche eine Art von verbreitung bekommen soll, wenn er sie nach
den Andeutungen, welche ich ihm gab, umgearbeitet haben wird. ich fand
bey ihm manches interessante dokument in dieser richtung: unter andern
ein mémoire f. deym’s an erzherzog ludwig über die ständischen vorgänge
in Böhmen bis zum Jahre 1844, ziemlich gut geschrieben, einiges, z.B. wo
die Bureaukratie abgehandelt wird, sogar ganz vortrefflich, im ganzen aber
doch ohne tendenz und höhere Anschauung, weil jede reform des ständi-
schen instituts abwehrend und sich damit als conservativer gesinnung brü-
stend, einen andern Aufsatz oder circulare von ihm über die ständischen
verhältnisse und desideria in Böhmen, mähren und oesterreich, ungefähr
in derselben tendenz etc.
überhaupt steckt in unsern landständen noch viel zu viel standesvorur-
theil und sonderinteresse, um zu einer wahren Bedeutung berufen zu seyn.
leider ist es so.
Was aber wahrhaft empörend ist, das ist die systematische täuschung
und verdummung des Pöbels, welche von oben herab betrieben wird. so
habe ich mir von lösch ein böhmisches lied genommen, welches in lem-
berg mit k.k. censur gedruckt, allenthalben in mähren, Böhmen etc. um 2
1 graf egbert Belcredi war seit dem tod seines vaters 1838 Besitzer des familienguts lösch
bei Brünn. er leitete das gut jedoch erst seit seinem Abschied als rittmeister aus dem
aktiven militärdienst 1845.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien