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veranlassend etc. Alles in der Absicht, die systematische verdächtigung un-
garns und der konstitutionellen tendenzen zu contrecarriren, welche von
den bezahlten österreichischen skribenten ausgeht und darauf berechnet
ist, die dummheit und unfreyheit in den erblanden zu befördern. in mei-
nem kopfe, so kann ich mir schmeicheln, ist diese idee entstanden, und mit
gottes hülfe wollen wir sie nun nach möglichkeit exploitiren. – – – – meine
bevorstehende reise nach hamburg wird hoffentlich nicht ohne resultate
bleiben, und ich denke da manches mit campe, schuselka (dessen Buch über
Polen wirklich viel treffendes enthält1) auszumachen.
Wir haben, nach einem beyspiellos kurzen, 2-tägigen, conclave einen
neuen Pabst, Pius iX., mastaj-ferretti, einen mann, der sehr aufgeklärt, en-
ergisch und populair seyn soll, wenigstens erzählt emrich szechenyi, der
vorgestern als kourier hier ankam, daß er im römischen unterwegs überall
angehalten und seine nachricht mit Jubel begrüßt wurde. die furcht hat
das collegium so schnell zum entschlusse gebracht, denn im kirchenstaate
sah es sehr verdächtig aus.
georges esterhazy ist gesandter in carlsruhe, vrints in copenhagen,
marschall läßt sich pensioniren, carl lanckoronski ist oberküchenmeister,
Podstatzky (!!) hofmusikgraf, hofrath Barthenheim ist gestorben. Alex.
Amade heirathet am 16., ihre stelle erhält eine tochter von fürst carl
Auers
perg. das sind die neuigkeiten.
die hitze ist fürchterlich, wir hatten schon 29° r. im schatten. dabey fast
kein tropfen regen, in ungarn und dem Bannate ist Alles versengt. den-
noch lauten im ganzen die ernteberichte unbegreiflicher Weise beruhigend.
Am 22. ist der hiesige landtag eröffnet worden, ich bin auf dessen resul-
tate neugierig. indessen rührt sich doch manches. Baron hohenbruck ar-
beitet auf Befehl des kaisers an einem Allgemeinen Plane zur Ablösung der
robothen und Zinse. fritz deym arbeitet mit hofrat höniger an der errich-
tung einer hypothekenbank für Böhmen. die ereignisse in Polen tragen ihre
früchte – zu spät.
Alles ist nun fort, fremde wie einheimische, u.a. ervin neipperg, der aus
Aegypten kam, Walmoden, Arco valley’s, etc. onkel Waldstein geht diesen
Abend. gabrielle ist mit ihrer erzherzogin auf 6 Wochen in der Weilburg.
flore geht nächste Wochen zu irène Arco nach salzburg, um sich durch ge-
birgsluft und molken zu curiren.
die enthüllung hat am 16. stattgefunden,2 beym schönsten Wetter und
mit großer feyerlichkeit. sie fing mit einem gewöhnlichen kirchendienste
an, so daß ich von 1/2 11 angefangen bis 1/2 3 in der uniform stack, auch war
1 franz schuselka, deutschland, Polen und rußland (hamburg 1846).
2 die enthüllung des denkmals für kaiser franz i. in der Wiener Burg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien