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Tagebücher598
helgoland 15. July
Am 10. Abends verließ ich hannover, fuhr per eisenbahn bis celle und von
da nach einem ungefähr 2stündigen Aufenthalte die nacht durch per eil-
wagen bis haarburg. obwohl ich durch die ganz besondere Protektion des
conducteurs in eine Beychaise kam, wo ich allein mit einer häßlichen ham-
burgerinn und ihrem knaben saß, daher vergleichungsweise sehr bequem
fuhr, so war ich doch herzlich froh, als diese langweilige fahrt durch ein
dürres, unbebautes und unbewohntes marschland zu ende war, und ich um
1/2 11 morgens harburg erreichte. von da gings in 3/4 stunden per dampf-
boot nach hamburg. ich stieg wieder in streits hôtel ab und erfreute mich
an dem herrlichen Anblicke der fast ganz wieder aufgebauten stadt. ein sol-
cher Aufschwung war nur in hamburg möglich, und wiewohl die stadt aller-
dings in folge der catastrophe von 1842 an einer ungeheuren Zunahme der
staatschuld und dadurch an einer bedeutenden vermehrung der steuerlast
leidet, so nimmt doch hamburgs handel jährlich zu, und diese stadt sowie
ihr fester entschlossener muth verdienen es, der stolz der deutschen nation
zu heißen.
in den 2 1/2 tagen meines Aufenthaltes besuchte ich meine wenigen
Bekannten in hamburg: d. schutte, syndicus sieveking, bey welchem (in
ham) ich ein ächt hamburger Patrizier diner machte mit einem kreise von
verwandten und freunden, darunter der alte reimarus, ein sohn des be-
rühmten r.,1 hofrath köppen aus erlangen und seine frau, eine ehemals
als frau koulenkamp berühmte hamburger schönheit, es waren an 20 Per-
sonen, welche Alle von einem Bedienten und einem stubenmädchen servirt
wurden, wozu dann auch, ächt bürgerlich, frau und tochter, zwischen de-
nen ich saß, mithalfen. Bey allen dem aber herrschte ein nichts weniger als
gemeiner ton, sondern mit aller patriarchalischen einfachheit eine sicher-
heit und feine Bildung, die mir sehr gefiel.
Weit aus das interessanteste in meinem dießmaligen hamburger Aufent-
halte aber war mir campe’s Bekanntschaft, ich fand in ihm einen lebhaften,
von geist und Witz sprühenden mann in den fünfzigern, den sein lebens-
lauf mit allen litterärischen sommitäten deutschlands zusammengeführt
hat, daher er an erzählungen und Anecdoten unerschöpflich ist. ich mußte
gleich die Bekanntschaft seiner jungen und recht hübschen frau und seiner
kinder machen, in deren mitte er ganz seelig zu seyn scheint. dann ging
es an ein erzählen, welches so lange währte, als wir beysammen waren. er
1 es dürfte sich um einen onkel des hausherrn handeln. karl sievekings mutter war eine
tochter des 1814 verstorbenen hamburger Arztes und gymnasialprofessors Johann Albert
reimarus, über hamburg hinaus bekannter war jedoch dessen vater hermann samuel
(1694–1768), Philosoph und Philologe und freund lessings.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien