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gehen kann. Alles in folge der nerven, sonst fühle ich weder in Appetit noch
schlaf eine Änderung. dagegen hat sich mir auf der vorhaut ein schmerzli-
ches geschwür gebildet, welches dr. Aschen, der sogar deßhalb neulich eine
consultation mit einem andern Arzte, dr. Beyer aus Wolfenbüttel, meinem
tischnachbarn bey Peter franz, hatte, für einen gewöhnlichen venerischen
chancre erklärt und mich demnach mit mercur behandelt, ich aber wüßte
nicht, wie ich zu der ehre käme, und halte es demnach für eine bloße Wir-
kung des seebades und des aufreizenden salzwassers.
die sachsen sind nun beynahe alle weg: zuletzt minckwitz, minister
Watzdorf und seine hübsche frau etc. dagegen habe ich die Bekanntschaft
des gouverneurs gemacht, der mir sehr wohl gefällt, ein schlichter bra-
ver seemann, der auf nelsons schiff bey trafalgar war. ich habe mit ihm
schon ein paar mahle schach gespielt, er spielt es mit Passion und weit bes-
ser als ich. neulich war sogar eine soirée, um unsrem kampf zuzusehen:
Anhaltcöthen und kufsteins. die herzoginn brachte mich mit ihren rath-
schlägen und einflüsterungen zur verzweiflung und spielte endlich selbst.
gestern hatten wir ein diner im conversationshause: kufstein, Bernstorf,
ein graf Wallwitz aus sachsen und ich. nachmittag machte ich die Bekannt-
schaft des Prinzen Albert von sachsen, sohnes des Prinzen Johann und
muthmaßlichen thronerben, der seit 2 tagen hier ist, ein guter Junge von
18 Jahren.
doblhoff spricht mir zu, ich solle einen 2. theil zu oesterreichs Zukunft
schreiben und namentlich meine ideen hinsichtlich unserer Provincial-
stände entwickeln. denn er meint, ich hätte eine Art zu schreiben, welche
ergreife und treffe, mehr als sonst Jemand. ich habe ihm auch mehrere mei-
ner Aufsätze mitgetheilt, die diesen Winter an unserer censur verunglück-
ten. übrigens geht mir meine Arbeit jetzt schneller vonstatten, seit ich mich
entschlossen habe, für jetzt bloß den canevas des ganzen Buches kurz und
andeutungsweise zu Papier zu bringen. später will ich sodann diese cadres
ausarbeiten. es soll der positive, praktische 2. theil zu dem ersten werden,
welcher bloß analysirte und negirte. die grundidee soll seyn: die politische
trias: Aristokratie, intelligenz und municipalfreyheit.
Breuners wollten heute über föhr abreisen, die projectirte reise des
dampfboots dahin unterblieb aber, und so gehen sie mittwoche über ham-
burg zurück. meines Bleibens dürfte bis zum 12. oder 14. seyn, wenn ich bis
dahin reisen kann. Breuners sind in den letzten tagen fortwährend durch
Picknicks auf der düne (ein entsetzliches vergnügen) oder bey mohr, soi-
réen, soupers etc. in der coterie haugk, de Jong, dr. Boas, ross etc. in An-
spruch genommen, ich aber habe [m]ich von derselben ganz langsam los-
gemacht, ich kenne die leute Alle ganz gut, verlange aber keine weitere
intimität mit ihnen, in der Praxis kann ich einmahl meine aristokratische
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien