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September 1846
vorbereitet und will diese vor seiner Abreise nach grätz zu der versamm-
lung der deutschen landwirthe (am 14. dieses monats) vervollständigen.
Bethlen kam neulich von vöslau, wo er wohnt, herein, um mich zu sehen,
und gestern wurde ich stafettaliter zu ihm hinaus zitirt, um bey ihm eine
entrevue mit louis Batthyany zu haben. die ungarische opposition will
nämlich der aggressiven Politik der regierung gegenüber auch ihrerseits die
größte thätigkeit entfalten und namentlich an das forum der öffentlichen
meinung durch Brochuren, Zeitungsartikel,und eine eigene periodische re-
vue appelliren, um sich gegen das systematische verläumden von seiten der
regierung zu vertheidigen. in ungarn ist dieß nicht möglich, und so soll es
denn in deutschland geschehen, und ich soll es vermitteln etc. ich habe aber
keine positive Zusicherung gegeben, weil ich meine freyheit zu behalten, vor
Allem aber mich nicht in eine allzu weit getriebene opposition hineinziehen
lassen will. daher will ich Brochuren etc. erst sehen, lesen, und dann erst
handeln. ich habe über diesen gegenstand sowie überhaupt über die neue-
sten ungarischen verhältnisse, seit ich hier bin, 2 mémoiren erhalten, unter
Andern ein sehr gut geschriebenes von niki szapary. louis Batthyany aber
schien mir ein ganz durch und durch gescheidter mensch mit sehr viel red-
ner
gabe, viel kopf und gar kein herz.
heute habe ich an meinem 2. theile zu arbeiten begonnen. mit hülfe des
bereits in helgoland ausgearbeiteten canevas und der doblhoff’schen mate-
rialien hoffe ich, wird es rasch von statten gehen und etwas tüchtiges wer-
den.
die kunde meiner Autorschaft verbreitet sich wie ein lauffeuer, und es
wird schon in den Wirthshäusern davon gesprochen. vedremo cosa ne ri-
sulterà, ich erwarte es mit großer ruhe. gabrielle und flore aber, welche
darüber angeredet wurden, mußte ich mit vieler mühe beruhigen, denn sie
sahen schon den galgen oder munkács1 für mich in Bereitschaft. mit gabri-
elle machte ich noch am Abende vor ihrer Abreise, sie ist nähmlich gestern
früh mit erzherzogin hildegarde nach Berchtesgaden, zu diesem ende eine
lange Promenade in den Prater. doch habe ich an kolb geschrieben, um mir
die einrückung des Artikels in die Allgemeine Zeitung zu verbitten, denn ich
wünsche doch nicht, der nächsten besten dummen stiftsdame als plastron
ihres wohlfeilen Patriotismus zu dienen.
heute habe ich die Baroninn hruschowsky besucht, die schon lange hier
ist, und lange mit ihr über mailand etc. geplaudert.
meine dienstesangelegenheit ist halb entschieden, d.h. inzaghys vortrag
hinsichtlich meines gesuches vom Jahre 1844 ist im sinne seines Antrages,
d.h. ohne Ja noch nein, also de facto ablehnend, herabgelangt, das spätere
1 im nordostungarischen munkács befand sich ein berüchtigtes staatsgefängnis.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien