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Tagebücher628
Arrangements zu treffen, die sache ist mir aber blitz ungelegen, und vor
dem 5. oder 6. kommenden monats ist an ihre Abreise nicht zu denken.
die versammlung der deutschen land- und forstwirthe in grätz (14.–19.
laufenden monats) soll sehr glänzend und ultra-germanisch ausgefallen seyn,
die patriotischesten reden und trinksprüche, erzherzog Johann in seinem
elemente, über 1500 Anwesende, Bälle, lustfahrten etc. etc., bene, bene.
in der Politik ist das hauptevénement die vermählung der königinn von
spanien mit don francisco und ihrer schwester mit montpensier. ich hoffe
aber, die mächte werden sich von dem alten gauner louis Philippe nicht
über den löffel barbiren lassen und Protest einlegen, wenn auch nicht gegen
die heirath, so doch gegen die successionsfähigkeit der montpensierschen
kinder auf dem spanischen throne, die ewige renunciation des hauses or-
leans vom Jahre 1713 gibt ihnen einen rechtsgrund dazu.1 lord Palmerston
wird hoffentlich kein solcher schafskopf seyn wie Aberdeen und sein Bruder
sir r. gordon in Wien, der übrigens nächstens abgeht.
in schleswigholstein werden die sachen immer ärger und ernsthafter.
von beyden seiten scheint man zu den äußersten schritten entschlossen.
dagegen läßt sich der neue Pabst nach herzenslust anjubiliren und scheint
mir sich auf einen ziemlichen kasperle hinauswachsen zu wollen, er wird
noch harte nüsse zu beißen kriegen. den italienern muß man kraft und
strenge zeigen und nie ihnen, sondern nur seinem eigenen rechtsgefühle
concessionen zu machen scheinen, zu einer humanen Behandlung sind die
kerls zu schlecht. Wundern würde ich mich übrigens nicht, wenn unser loy-
aler vetter und nachbar, der könig von sardinien, eine constitution oder
etwas dergleichen proclamirte, als weltlicher coadjutor des Pabstes und
künftiger könig von italien.
Apropos, mit unserer gewerbefreyheit, die plötzlich im July dekretirt
wurde, haben wir wieder ein schönes fiasco gemacht, einen monath dau-
erte die herrlichkeit, da liefen einige versessene schneider und Bäcker, die
um ihre kundschaft fürchteten, zum erzherzog ludwig, und flugs wurde die
ganze sache wieder bis auf Weiteres suspendirt, d.h. kurz und gut zurückge-
nommen. o stultitia! das Brüderpaar stadion, zwey k.k. genies, hat sich in
der letzten Zeit, wenigstens meiner Ansicht nach, stark blamirt. franz hat,
nachdem er mit großem spektakel seine dimission gegeben und auf reisen
gegangen war, dieselbe reumüthig zurückgenommen, pater peccavi gesagt,
1 in der doppelhochzeit am 10.10.1846 in madrid heiratete die sechzehnjährige königin isa-
bella ii. ihren acht Jahre älteren cousin don francisco herzog von cadiz, ihre vierzehnjäh-
rige schwester luisa fernanda den 22jährigen Antoine d’orléans herzog v. montpensier,
einen sohn von könig louis Philippe v. frankreich. der friede von utrecht 1713, mit dem
der spanische erbfolgekrieg beendet wurde, enthielt u.a. das verbot einer Personalunion
zwischen frankreich und spanien.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien