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September 1846
und kehrt nach triest zurück. Wieder ein gebrochener politischer charakter.
daß die leute doch so gar nicht ihren vortheil verstehen und in die Zukunft
blicken können! rudolph aber ist jetzt in Wien, um zu conferiren, die sa-
che ist nach dem, was er sagt, eine kinderey, längstens bis mitte december
wird er wieder re bene gesta in Brünn zurück seyn.1 5000 gendarmen als
verstärkung der finanzwache werden Alles in ordnung bringen. reformen,
organische verfügungen und dgl. sind lauter dummes Zeug und gar nicht
nothwendig – – !!
[Baden] 29. september
Wir haben jetzt herrliche, jedoch schon ziemlich kalte tage, nachdem es frü-
her durch ein paar tage hintereinander unaufhörlich geblasen und gestürmt
hat. überhaupt hat sich heuer der herbst schon frühe eingestellt, und wenn
das Wetter jetzt auch schön bleibt, warm wird es doch nicht mehr werden,
leider fühle ich das in meiner redoute sehr, denn obwohl ich eben dieser
kälte der Zimmer wegen auf eine andere seite des hauses gezogen bin, so ist
mir damit nicht viel geholfen. überhaupt fühle ich mich noch durchaus nicht
wohl, rheumatische und gichtische Zustände, Brust- und halsweh plagen
mich, und alle nächte komme ich in einen ganz unnatürlichen schweiß. von
den Wirkungen des seebades will sich bis jetzt noch nichts zeigen, als daß
ich mich seitdem an die kalten Waschungen gewöhnt habe, die ich früher nie
recht vertragen konnte. nur meine nerven scheinen etwas besser geworden
zu seyn, und vielleicht ist ein großer theil meines jetzigen unwohlseyns nur
eine reaction gegen den mercur, welchen das rindvieh dr. Aschen mir so
mal-à propos eingab, denn daß jenes geschwüre kein venerisches und noch
viel weniger ein chancre war, das sagte auch dr. schönbeck in Wien, und ich
bin dessen jetzt gewisser als je.
in diesen tagen zieht fast Alles in die stadt, mir ziemlich gleich, da ich
ohnehin hier wenig Bekannte hatte und diese selten sah. csàky und folglich
seine loge im theater, das ich faute de mieux täglich besuche, bleibt bis 15.
dagegen geht török fort, den ich viel sah.
ich war vor einigen tagen, gerade als es in einem fort [sic], in der stadt,
um Julie samoyloff zu sehen, die in der stadt london wohnt, mit margue-
rite und ihrem langweiligen schwager m. Amédée Perry. es freute mich gar
sehr sie wiederzusehen. heute aß ich mit ihr, der Baroninn [hruschowska]
und strasoldo hier bey hartig, morgen reist sie ab. sie ist eine tieftrauernde
Wittwe, kohlschwarz, trägt ein schwarzes kreuz wie ein domherr mit dem
herzen ihres mannes, ist aber freundlich und gut wie immer. Auch monte-
1 Zur entsendung von graf rudolf stadion, gouverneur in Brünn, als außerordentlicher hof-
kommissär nach galizien vgl. eintrag v. 20.7.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien