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Tagebücher636
unterweges antraf, gemacht hatte, meine einzige bonne fortune, seit ich in
Baden war, aussi je ne saurais qu’en faire, car je suis toujours à bas comme
à helgoland, überhaupt geht es mit meiner gesundheit nicht zum Besten.
die gicht sitzt mir in allen gliedern, und in der redoute in Baden, wo keine
thür und kein fenster schließt, habe ich mir einen husten geholt, den ich
noch immer nicht los werden kann. en somme glaube ich, daß ich besser
gethan hätte, nicht nach helgoland zu gehen.
übrigens ist das Wetter nun schon seit 2–3 Wochen magnifique, so warm,
daß man, ich zwar nicht, im leichten frak herumgeht etc. neues gibt es
nicht viel, ich werde noch fortwährend angesprochen, ausgefragt etc. ins Bu-
reau gehe ich nicht, sondern sitze täglich bis 3 uhr zu hause und arbeite.
nächste Woche will ich zum erzherzog ludwig gehen, um seine Antwort zu
vernehmen. neulich kam ich endlich, zum ersten mahle, dazu, dem erzher-
zog rainer meine Aufwartung zu machen.
[Wien] 4. november
heute habe ich die zweyte sendung expedirt, nämlich über unsere Preßver-
hältnisse und über das gemeindewesen, es erübrigen nun noch die detachir-
ten Artikel über robothablösungen, finanzen, gerichtsreform, ungarische
verhältnisse und auswärtige Politik, endlich der schluß, lauter dinge, die
eigentlich strenge genommen nicht in das Buch gehören, welches eigentlich
mit dem bis nun gelieferten abgeschlossen seyn sollte. denn der haupt-
gedanke: die trias der Aristokratie, intelligenz und munizipalreform, ist
nunmehr abgehandelt, aber wie ist es möglich, gegenstände von solcher
Wichtigkeit wie die oben genannten nicht zu berühren? dieser letzte theil,
ungefähr ein schwaches drittheil des ganzen, wird mir daher wohl am sau-
ersten werden: erstlich weil ich da in Baden nur unvollständig vorgearbei-
tet habe, und dann weil ich jene Punkte weder zu ausführlich behandeln
will, da dieses die tendenz und den totaleindruck der schrift verrücken
würde, noch aber sie ganz flüchtig abhandeln kann, ohne mir arge Blößen
zu geben. doch habe ich mir vorgenommen, binnen 14 tagen damit fertig
zu werden. ich arbeite wie ein hund, und es kömmt mir wohl zu statten,
daß ich in kein Bureau gehe, beynahe täglich sitze ich bis 3, auch 4 uhr
zu hause, und Abends wird wieder mehrere stunden gebüffelt. heute z.B.
saß ich bis 7 uhr zuhause, um Alles noch heute absenden zu können, da ich
nur alle Wochen eine sichere gelegenheit habe. ich hatte heute eine lange
sitzung mit doblhoff, dem ich besonders die Absätze über das gemeindewe-
sen vorlesen wollte, und da ergab sich, wie ich voraus gesehen hatte, eine
ernstliche differenz in unseren Ansichten. er ist nämlich ein unbedingter
Anhänger des grundherrschaftlichen systems, d.h. namentlich der politi-
schen Administration durch die grundherrschaften, welche er als heilsam
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien