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November 1846
große vorliebe für mich gefaßt zu haben, seit sie meine farbe kennen. im
ganzen scheint mir meine stellung seit einiger Zeit bedeutend verändert.
neulich aß ich bey haugwitz en partie carrée mit der Baroninn [hru-
schowska] und hermine elssler, wir sprachen von alten Zeiten, i.e. von lu-
cile grahn – wie weit liegen diese hinter mir!
Albert montecuccoli ist niederösterreichischer landmarschall geworden,
ich halte ihn für ganz untauglich zu dieser stelle und prophezeye ihm eine
baldige erlösung, welche ja auch in seinem interesse ist, da er, wie ich ihn
kenne, jenen Posten ohnehin nur als einen übergang zu einer gouverneur-
schaft etc. ansieht, denn er ist eine eingefleischte Beamtenseele. er wird ei-
nen harten stand haben, denn gerade die einflußreichsten unter den stän-
den sind ihm schon im voraus entschieden entgegen.
in den theatern ist jetzt manches neue, und da ich den ganzen tag zu-
hause sitze, so fühle ich öfters als sonst das Bedürfniß dahin zu gehen. in der
Burg sah ich neulich falconiere von Prechtler, ganz schlecht, und die gauk-
lerinn von mad. Binzer (ernst ritter),1 hie und da langweilig, aber mit schö-
nen stellen, im kärnthnerthor die mousquetaires de la reine von Balfe,2
recht hübsch, auf der Wieden die Zigeunerinn von Balfe, charmant, ich saß
da in der großen loge zwischen zwey erzfeinden edmund Zichy und louis
Batthyany, und ein konzert von ernst, wo ich mit Bethlen war, endlich in
der leopoldstadt eine neue schlechte staberliade, wo ich mit schulenburg
und Breuner eine loge hatte.
caroline karoly ist gestern nach venedig abgereist, wo sie den Winter zu-
bringen wird. freund emerich [Bethlen], qui file le parfait amour, sieht ganz
todtschlächtig aus, and seems to be a tool in her hands and in those of her
eminent brother-in-law,3 et ma consideration pour lui a beaucoup baissé de-
puis. neulich ereiferte sich casimir esterhazy, la fleur des honnêtes gens, in
zweystündiger langweiliger und tugendhafter rede über dieses verhältniß
im interesse emerichs, der in seinen Augen das non plus ultra männlicher
Perfection ist.
louise Parschma erzählte mir neulich, daß sie in einem kasten der kai-
serinn mutter ein exemplar von oesterreich und dessen Zukunft gesehen
habe, an welchem die kaiserinn mit eigener hand alle Blätter mit siegel-
wachs verklebt hat, damit dieses entsetzliche Buch von niemand mehr gele-
sen werde. dagegen soll erzherzoginn sophie mit vielem lobe davon gespro-
1 emilie v. Binzer publizierte unter dem Pseudonym ernst ritter.
2 der komponist der oper les mousquetaires de la reine (uraufführung 3.2.1846) ist fro-
mental halévy, nicht michael William Balfe.
3 vermutlich spielt Andrian hier auf graf ludwig (louis) Batthyány an, einen der führer
der ungarischen Opposition, der mit Carolines Schwester Gräfin Antonia Zichy verheiratet
war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien