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Tagebücher650
rale, recte antikatholische Partey hat sich hinter sie gesteckt, und so jammern
denn die ultrakatholiken über die maaßen, vor allem max Arco und gräfinn
Anna, ersterer behauptete neulich ganz ernsthaft, die Propaganda (!!) in Paris
habe sie eigens hergeschickt, um den katholizismus zu vernichten, comme si
cela en valait la peine. neulich hat ihr das ergrimmte Publikum nachts ein
fenster eingeworfen. der könig benimmt sich aber auch sehr ungeschickt
und affichirt es mehr als nöthig, gestern lief er zu mad. schulze im Bazar und
machte sie in gegenwart vieler menschen fürchterlich herunter, daß sie sich
unterstanden habe, der lola ihre rechnung zu schicken. die künstler geben
als demonstration heuer ihren gewöhnlichen Ball nicht. o graus!
ich habe max Arco (der die personificirte aristokratische Angst ist) die
neue robothverordnung für die österreichischen Provinzen gebracht, die
zwar im ganzen recht gut ist, aber leider die zwey wichtigsten vorschläge
der stände, nämlich die imperative Ablösung und die hypothekenbank, fal-
len gelassen hat. doch hat ihn dieß wenigstens von dieser seite beruhigt.
[münchen] 19. Jänner
ich lebe hier so recht als müßiggänger und thue gar nichts, ennuyire mich
auch wohl zuweilen. münchen wäre kein ort für mich, denn wiewohl es hier
sehr angenehme leute gibt, so mangelt einem doch, was ich am meisten
schätze, die freyheit der Bewegung. dazu ist münchen nicht großstädtisch
genug, man muß ins theater gehen, muß auf den Ball, in die soirée etc.,
sonst weiß man absolut nicht, was man anfangen soll. dagegen sind die
leute unendlich artig und prévenant gegen mich.
neulich hatte ich ein charmantes diner bey irène [Arco], wo ich die Be-
kanntschaft der familie tascher, der gräfinn Bray etc. machte, welch ein
unterschied zwischen den hiesigen ministern, die menschen von fleisch
und Blut sind wie unser einer, und den unsrigen, diesen unnahbaren stu-
piden halbgöttern! ich habe bis jetzt deren 2 kennen gelernt, Bray und den
Justizminister schrenk. neulich war ich Abends im salon tascher, welcher
mir sehr angenehm scheint, die töchter sprühen von Witz und französischer
lebendigkeit, und caroline tascher ist eine elegante graziöse frau in der
Art wie clotilde lottum. Auch bey Bernstorff war diese tage ein diplomati-
sches diner, wo ich die persönliche Bekanntschaft unseres gesandten senfft
machte. dieser will in den nächsten tagen ein diner arrangiren, um mich
die litterarischen und kunstnotabilitäten münchens kennen lernen zu las-
sen, und ich bin sehr neugierig darauf.
so oft theater ist, 4 mal die Woche, bin ich in der loge von Anna Arco,
ne sachant faire mieux, nachher gehe ich oft in den stearin oder wenn ein
öffentlicher Ball ist, wie z.B. neulich ein museumball, gestern eine redoute
etc., dahin. eigentlich habe ich mich nirgends vorstellen lassen, weil ich es
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien