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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 650 -
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Tagebücher650 rale, recte antikatholische Partey hat sich hinter sie gesteckt, und so jammern denn die ultrakatholiken über die maaßen, vor allem max Arco und gräfinn Anna, ersterer behauptete neulich ganz ernsthaft, die Propaganda (!!) in Paris habe sie eigens hergeschickt, um den katholizismus zu vernichten, comme si cela en valait la peine. neulich hat ihr das ergrimmte Publikum nachts ein fenster eingeworfen. der könig benimmt sich aber auch sehr ungeschickt und affichirt es mehr als nöthig, gestern lief er zu mad. schulze im Bazar und machte sie in gegenwart vieler menschen fürchterlich herunter, daß sie sich unterstanden habe, der lola ihre rechnung zu schicken. die künstler geben als demonstration heuer ihren gewöhnlichen Ball nicht. o graus! ich habe max Arco (der die personificirte aristokratische Angst ist) die neue robothverordnung für die österreichischen Provinzen gebracht, die zwar im ganzen recht gut ist, aber leider die zwey wichtigsten vorschläge der stände, nämlich die imperative Ablösung und die hypothekenbank, fal- len gelassen hat. doch hat ihn dieß wenigstens von dieser seite beruhigt. [münchen] 19. Jänner ich lebe hier so recht als müßiggänger und thue gar nichts, ennuyire mich auch wohl zuweilen. münchen wäre kein ort für mich, denn wiewohl es hier sehr angenehme leute gibt, so mangelt einem doch, was ich am meisten schätze, die freyheit der Bewegung. dazu ist münchen nicht großstädtisch genug, man muß ins theater gehen, muß auf den Ball, in die soirée etc., sonst weiß man absolut nicht, was man anfangen soll. dagegen sind die leute unendlich artig und prévenant gegen mich. neulich hatte ich ein charmantes diner bey irène [Arco], wo ich die Be- kanntschaft der familie tascher, der gräfinn Bray etc. machte, welch ein unterschied zwischen den hiesigen ministern, die menschen von fleisch und Blut sind wie unser einer, und den unsrigen, diesen unnahbaren stu- piden halbgöttern! ich habe bis jetzt deren 2 kennen gelernt, Bray und den Justizminister schrenk. neulich war ich Abends im salon tascher, welcher mir sehr angenehm scheint, die töchter sprühen von Witz und französischer lebendigkeit, und caroline tascher ist eine elegante graziöse frau in der Art wie clotilde lottum. Auch bey Bernstorff war diese tage ein diplomati- sches diner, wo ich die persönliche Bekanntschaft unseres gesandten senfft machte. dieser will in den nächsten tagen ein diner arrangiren, um mich die litterarischen und kunstnotabilitäten münchens kennen lernen zu las- sen, und ich bin sehr neugierig darauf. so oft theater ist, 4 mal die Woche, bin ich in der loge von Anna Arco, ne sachant faire mieux, nachher gehe ich oft in den stearin oder wenn ein öffentlicher Ball ist, wie z.B. neulich ein museumball, gestern eine redoute etc., dahin. eigentlich habe ich mich nirgends vorstellen lassen, weil ich es
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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