Seite - 653 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Bild der Seite - 653 -
Text der Seite - 653 -
65325.
Jänner 1847
danke zeigt sich nirgends, und trotz aller dieser einzelnen schönen monu-
mente bleibt münchen eine häßliche, kleinstädtische stadt.
neulich hatte ich ein ultrakatholisches diner bey Arco valley: minister
Abel, der schweizerische staatssekretär gonzenbach etc. neben diesem saß
ich, die leute sind hier wie toll auf den katholizismus versessen, so daß ich
sie kaum begreifen kann, als ob dieses mit dem staatswesen irgend etwas zu
schaffen hätte, davon erwarten die leute das heil der Welt, ich aber glaube,
daß nie ruhe werden wird, als bis der staat sich ganz von der kirche lossagt,
sie müssen nebeneinander als zwey völlig getrennte gesellschaften beste-
hen, ohne daß der eine die mindeste Anforderung an den andern mache. üb-
rigens scheint mir gonzenbach (der der getreidesperre wegen hier ist und
nebenbey manches Andere vor sich bringt) ein pfiffiger gescheidter fuchs
zu seyn, der den Mantel nach dem Winde hängt; hier ist er denn auch katho-
lischer als der Pabst selbst. die übergriffe der Pfaffen hier werden täglich
stärker, so eben hat der heute inthronisirte erzbischof reisach ein päbstli-
ches Jubiläum ohne das Placetum regium publicirt und dürfte daher in ei-
nen, freylich hier sehr glimpflichen, conflict mit der regierung kommen.
heute habe ich noch eine höchst interessante Anstalt gesehen: das straf-
haus in der Au und dessen vorstand obermeyer, welchen mittermaier bey
der vorjährigen Pönitentiarversammlung in frankfurt/main ein system
nannte. 600 sträflinge, davon 200 zu 20 Jahren und lebenslänglich, arbei-
ten hier ganz frey die verschiedensten Arbeiten, schlosser und schmiede
nicht ausgenommen, vollkommene ruhe, lauter zufriedene gesichter, fast
gar keine Bewachung (außer die der sträflinge unter sich, von denen ober-
meyer in jedem Zimmer 1 oder 2 als Aufseher anstellt), sehr wenig strafen
und diese bloß in halber kost und Arbeitslosigkeit bestehend, und das Alles
durch güte und vertrauen. es ist nicht zu läugnen, daß dieses Beyspiel sehr
gegen die nothwendigkeit der neuen systeme spricht, deren entschiede-
ner gegner obermeier ist. er führte mich 2 1/2 stunden lang überall selbst
herum, ein prächtiger humaner anspruchsloser und tief gebildeter mann.1
Bey senfft hatte ich neulich ein hübsches diner, wo ich Pocci, egid von
kobell etc. kennen lernte, sehr geistreiche leute.
1 der internationale frankfurter gefängniskongress hatte sich mehrheitlich für die einzel-
haft als zukünftiges strafvollzugssystem ausgesprochen. Zur davon abweichenden haltung
des münchener gefängnisdirektors georg michael obermaier [sic] vgl. seine schriften An-
leitung zur vollkommenen Besserung der verbrecher in den strafanstalten (kaiserslautern
1835) und die verhandlungen über gefängnißreform in frankfurt am main im september
1846 oder die einzelhaft mit ihren folgen (münchen 1848). der heidelberger rechtsprofes-
sor carl Josef mittermaier war führend in der gefängnisreformbewegung und gab die Ak-
ten des kongresses heraus: verhandlungen der ersten versammlung für gefängnisreform,
zusammengetreten im september 1846 in frankfurt am main (frankfurt 1847).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien