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Februar 1847
er, sondern cotta und seine kaufmännische speculation hierin die oberhand
hat. übrigens ist kolb wie sonst voll süd- und norddeutschland, daher oe-
sterreich (als volk) grundsätzlich freund.
mit meinen speziellen Auf- und Anträgen so wie mit der erwähnung mei-
ner gegenwärtigen Publikation rückte ich erst tags darauf, wo ich vormit-
tags eine lange unterredung mit ihm hatte, heraus. er hatte mich selbst um
Beyträge für sein Blatt ersucht, und so erzählte ich ihm denn, wie unsere
landstände es eingesehen hätten, daß sie vor Allem der öffentlichkeit be-
dürfen, um einen halt an der öffentlichen meinung zu gewinnen, daß meiner
meinung nach oesterreichs heil in ihnen liege, daß sie mich zum Zentral-
punkte, zum Wortführer ihrer Bestrebungen, ihrer Partey erkoren hätten,
daß ich entschlossen sey, mich von nun an ganz der Publicistik zu widmen,
und daß, falls sein Blatt mir die nöthigen garantien des muthes und der
selbstständigkeit darzubieten vermöchte, ich es jedem andern Blatte vor-
ziehen würde. kolb nahm diese Äußerungen mit großer freude auf, das sey
schon längst sein Wunsch gewesen, nur das Persönliche und gar zu weit ge-
hende, welches beydes von mir ohnehin nicht zu befürchten sey, könnte er
nicht aufnehmen, in Allem Andern wolle er meine Wünsche erfüllen, auch
möchte ich in handelspolitischer Beziehung manchmal etwas einsenden.
den honorarpunkt berührte er zuerst und meinte, ich sollte erst einige Ar-
tikel bringen und dann meine Bedingungen stellen, welche cotta gewiß auf
das Allerliberalste erfüllen werde.1 ich versprach ihm meine neueste schrift,
welche mein Programm sey, zu übersenden, auch brachte ich ihm die beyden
Allerhöchsten entschließungen wegen der robothablösung in galizien und
den übrigen Provinzen, welche auch schon seitdem per extensum in der All-
gemeinen Zeitung erschienen sind.2
Alles dieses wurde zwischen uns im laufe des 27. (mittwoch) beredet,
den wir größtentheils zusammen zubrachten, wir aßen beyde bey Binzer zu
sechs, d.i. die beyden sehr hübschen und sehr liebenswürdigen töchter vom
hause. Abends um 6 uhr erst verließ ich kolb, um in den Wagen zu steigen.
An demselben tage erhielt ich per Post das erste exemplar meiner
schrift, ich habe es seitdem durchgesehen und heute das druckfehlerver-
zeichniß (welches ziemlich bedeutend ist und leider mitunter sinnstörend)
an campe für eine etwaige 2. Auflage abgeschickt.
1 Als ergebnis dieser Zusammenarbeit veröffentlichte Andrian von ende Jänner 1847 bis
ende April 1848 insgesamt 29 Artikel in der Allgemeinen Zeitung.
2 Allgemeine Zeitung v. 30.1.1847, Beilage 236f.: österreichische monarchie. mitteilung des
kürzlich an alle länderstellen der österreichischen erblande ergangenen circularschrei-
bens in Betreff der Ablösung von Zehnten und Frohnden; und v. 1.2.1847, Beilage 252–253:
österreichische monarchie. mitteilung des kaiserlichen handbillets an den grafen stadion
über die vorläufige Roboterleichterung in Galizien.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien