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Tagebücher656
um 1/2 7 Abends verließ ich Augsburg und fuhr per eilwagen ganz allein
bis eichstädt, wo ich um 3 ankam und bis 5 auf den münchner Wagen war-
ten mußte, es war ein entsetzliches thauwetter und regen so wie während
meines ganzen Aufenthaltes in Augsburg. dann ging es über Weissenburg
und ellingen nach Ansbach, wo ich donnerstag den 28. um 2 nachmittag
ankam, im gasthofe zum stern mich wusch und aß und dann zu onkel fer-
dinand ging. ich fand sie Alle, eduard, lenchen, ihre 3 jüngsten kinder und
emil im eßzimmer versammelt, sie hatten mich erst um einen tag später
erwartet. da ließ man dann meine Bagage gleich abholen, und seitdem
wohne ich hier in einem Zimmer mit emil, was mich zwar Anfangs etwas,
jetzt aber wenig gênirt, und neben dem schlafzimmer des onkels. diesen
habe ich ziemlich gealtert gefunden, sonst aber seelengut, heiter und freund-
lich wie immer. dabey ein Philosoph und voll tiefer kenntnisse in gewissen
Branchen, z.B. den naturwissenschaften, sonst aber namentlich in weltli-
chen händeln (was über seinen geschäftskreis hinausreicht) merkwürdig
unerfahren und naiv, wo nicht spießbürgerlich, in politicis ein indifferentist
und Alles der vorsehung und dem natürlichen gange der dinge überlas-
send, nur ordnung müsse seyn. ich habe ihm meine lage und stellung aus-
einandergesetzt, es hat ihn Anfangs erschreckt, dann aber (meine frühere
schrift kannte er schon, und sie hatte ihm sehr gefallen) von dem stand-
punkte der politischen konsequenz und des charakters hatte sie ihm voll-
kommen eingeleuchtet, heute habe ich ihm den 2. theil gegeben und bin auf
sein urtheil begierig. mir gefiel dieser 2. theil bey dem jetzigen durchlesen
weniger als ich gedacht, obwohl mich einzelne stellen elektrisirten, wir wol-
len hoffen, daß Andere anders urtheilen werden, denn ich erinnere mich, daß
mir auch der 1. theil mißfiel, nachdem er gedruckt war.
die lebensart und der ton hier im hause sind sehr gemüthlich und ange-
nehm, wenn auch für uns oesterreicher stark bürgerlich. die tante ist eine
vortreffliche lustige frau. Abends sind wir meistens Alle bey der großmutter
zum thee versammelt, d.i. von 6 bis 9, obwohl ich da nur kurze erscheinun-
gen mache, um 9 wird soupirt.
Ansbach ist ein garstiges nest, jedoch mit resten von größe und schö-
nen gothischen kirchen. das Wetter ist so schlecht, daß man kaum aus dem
haus kann. doch habe ich schon mehrere Bekanntschaften gemacht, unter
andern generalleutnant fürst taxis, Baronne Buirette, eine tochter hor-
mayrs, bey der gestern große soirée war, wo ich meine erste erscheinung
in der Ansbacher gesellschaft machte, etc. etc. onkel ferdinand möchte
mich überall herumschleppen, ich wehre mich aber so gut ich kann, wozu
uninteressante Bekanntschaften machen? man hat hier eine wahre unter-
haltungswuth, es regnet soiréen, kränzchen, Bälle etc. das theater ist das
schändlichste, das ich je gesehen, einmahl begleitete ich lenchen dahin,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien