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Tagebücher658
gute onkel, übrigens ein prächtiger mensch, langweilt mich mit seinen ewi-
gen fragen, seiner merkwürdigen kleinstädtischen naivetät und unwissen-
heit in weltlichen dingen, und die Bekanntschaften, die ich hier gemacht,
lohnen mit sehr wenig Ausnahmen die mühe nicht. diese Ausnahmen sind
general lesuire, ehemals griechischer kriegsminister, und flora crails-
heim, welche letztere wenigstens eine sehr liebenswürdige lustige junge
frau ist. übrigens vermeide ich soviel als möglich alle derley gesellschaf-
ten, als: kränzchen, theater, soiréen, konzerte, wovon es hier eine unzahl
und mit den bescheidensten Prätensionen gibt, erstlich parceque le jeu ne
vaut pas la chandelle, ich die bescheidenen unterhaltungen überhaupt nicht
liebe, und es mir daher bequemer ist zu hause zu bleiben. doch findet man
dieß intra et extra muros sehr sonderbar und glossirt darüber. ein paar Bäl-
len konnte ich aber doch nicht ausweichen, so z.B. neulich hier im hause bey
lenchen und vorgestern im casino, wo ich sogar mit eduard, lenchen und
einer masse crailsheims soupirte.
meine ressource ist unter diesen umständen das schachspiel mit eduard
und emil, und ein sehr geistreiches Buch!! die genealogischen tabellen des
Bucellinus!1 übrigens ist emil heute fort in seine station nach Amberg zu-
rück, was mir leid thut, denn er ist der gescheidteste von Allen im hause.
eduard, ein vortrefflicher mensch wie immer, scheint mir sehr gealtert, sein
humor ist sehr verändert, und er klagt fortwährend über magenleiden, die
mir gar nicht unbedeutend scheinen. lenchen denkt an nichts als an Bälle
etc., malchen ist der typus eines sentimentalen spießbürgerlichen deut-
schen mädchens, und die ekelhafte blöd-bockbeinige erscheinung meines
vetters max verdirbt mir vollends allen Appettit, neulich war auch Anton
aus nürnberg auf ein paar tage hier, ein kompleter infanterie-tölpel.
dazu kömmt das über alle Begriffe scheußliche Wetter, nach ein paar
schönen Wintertagen haben wir nun seit 3–4 tagen ein fortwährendes
schneegestöber, so daß man nicht vors haus kann, alle Posten ausbleiben
etc. ich bin den ganzen tag zuhause, nur vor tisch um 1 oder 1/2 2 gehe
ich nebenan ins casino und lese Zeitungen, und selbst das that ich gestern
nicht, auch hatten sich wieder vorbothen einer halsentzündung eingestellt,
welche aber nun wie ich hoffe verschwunden sind.
ich werde am 17., Aschermittwoch, oder am 18. abreisen und hoffe, am 22.
oder 23. in Prag zu seyn. eduard begleitet mich bis Bamberg.
das einzige gescheidte, was ich hier thue, ist, daß ich die gemeindever-
fassung, die gutsherrlichen verhältnisse und die Ablösungsfrage der grund-
herrlichen lasten in Bayern studire und mir materialien sammle, wobey mir
1 gabriel Bucelinus [sic], germania topo-chrono-stemmatographica sacra et profana. 4 Bde.
(Augsburg 1655–1678).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien