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Februar 1847
den. doch war dieß glücklicherweise nicht der fall. eduard entschloß sich
nach manchen hin und Wieder und trotz der intriguen lenchens (welche
übrigens mit dem Ansbacher lion fedor crailsheim etwas stark en coquet-
terie ist) dann doch mich zu begleiten, wir warteten also am 18., donnerstag,
von 4 nachmittag bis 1/2 11 Abends auf den eilwagen, nahmen einen 3ma-
ligen zärtlichen Abschied, ich mit der überzeugung, onkel ferdinand nicht
mehr zu sehen, denn so gerne ich ihn habe, komme ich doch wahrhaftig nicht
mehr nach Ansbach zurück, und fuhren ab.
um 5 uhr früh waren wir in nürnberg, schliefen noch einige stunden
in der blauen glocke und gingen dann einige commissionen besorgen, ich
machte mehrere Ankäufe in der fleischmann’schen cartonpierrefabrik.
dann aßen wir zuhause bey der table d’hôte mit Anton, welcher hier en gar-
nison ist, und fuhren um 4 immer beym schönsten Wetter per eisenbahn
über erlangen nach Bamberg, wo wir um 6 ankamen und im deutschen
hause abstiegen. diese eisenbahn ist mit einem wahrhaft überraschenden
luxus gebaut, namentlich die Bahnhöfe, stationshäuser etc. alles im schön-
sten gothischen style.
Wir gingen zu gustav lerchenfeld, er war nicht zu hause, von da zu Au-
guste lerchenfeld, welche Befehl gegeben hatte, falls wir kämen, sie aus ei-
ner soirée bey Busecks abholen zu lassen, was dann auch geschah. Wir pas-
sirten da einen der vergnügtesten Abende, dessen ich mich seit langer Zeit
erinnere.
überhaupt werde ich mich lange und mit dem lebhaftesten vergnügen
der, leider so kurzen, Zeit erinnern, die ich in Bamberg zubrachte. Auguste,
meine alte flamme, schön und liebenswürdig wie sonst, die beyden mäd-
chen voll der feinsten Bildung und des besten tones, gustav einer der inter-
essantesten menschen, die mir noch vorgekommen, und sie Alle von einer
herzlichkeit gegen mich, wie es der eigene Bruder nicht besser hätte finden
können. Auch waren wir die ganze Zeit von frühmorgens bis spät am Abende
beysammen, machten Promenaden, sahen die domkirche an, aßen am 1.
tage bey gustav, am 2. bey Auguste. eduard verließ uns am sonntag 11 uhr
vormittag, um nach Ansbach zurückzukehren.
die superbe domkirche enthält sehr merkwürdige Alterthümer, beson-
ders das grab kaiser heinrichs ii. als stifters der kirche.
nicht leicht hat mich eine Bekanntschaft so erfreut als die gustav ler-
chenfelds. es herrscht eine merkwürdige übereinstimmung zwischen uns
in den meisten unserer Ansichten, die Ausnahmen abgerechnet, welche ich
meinem großen fourier verdanke. dagegen hat er, was mir abgeht, die prak-
tisch konstitutionelle erfahrung und die ruhe, welche ich mir erst erwer-
ben muß, freylich ist er beynahe um 10 Jahre älter als ich. Wir sind gleich
ein herz und eine seele geworden und haben, leider nur zu kurz, vieles
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien