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Wichtige und folgenreiche besprochen. er hat mir den Prospectus der neuen
deutschen Zeitung gegeben, welche mittermaier, gervinus und mathy in
heidelberg zu gründen beabsichtigen, und die kommitteemitglieder wie er
selbst, dahlmann, schlosser, gagern, Wessenberg etc. besitzt, und mich auf-
gefordert ihnen beyzutreten, was ich mit freuden gethan habe, denn Publi-
cität und ein geachtetes organ, das ist ja Alles, was wir wollen. er hat mir
auch einen andern Plan mitgetheilt, worin wir uns gegenseitig unterstützen
wollen: zur herausgabe der alten ständischen handfesten und rechte im
mittelalter, um den aktenmäßigen Beweis zu führen, wie alt das konstitu-
tionelle Wesen in deutschland ist, und die hypokriten lobpreiser des mit-
telalters und des historischen rechtes mit ihren eigenen Waffen zu schla-
gen. ein dritter vorschlag, den er mir machte: die geschichte oesterreichs
seit 30 Jahren zu schreiben, ein unternehmen, welches gleichmäßig in allen
theilen deutschlands vorbereitet wird, um die übergriffe der regierungen
in diesem Zeitraume zu schildern, fand weniger meinen Beyfall, obwohl ich
mich darüber nicht aussprach. er gab mir zu meiner Belehrung eine große
menge Akten vom letzten bayerischen landtage, dessen so höchst eminentes
mitglied er war, mit.
Auch den damen, welche überhaupt an allem interessanten interesse
nehmen und nicht wie unsere stupiden Weiber bloß an lappalien, war meine
neue richtung nicht fremd geblieben, und Auguste bath mich, ihr ein ex-
emplar meiner beyden schriften zu übersenden, was ich von Wien aus thun
werde.
sonntag, den 21., nachdem ich noch bey Auguste gegessen hatte, schied
ich mit schwerem herzen aus diesem schönen kreise. gustav begleitete
mich zur Post, und unter vielen grüßen und mit dem versprechen bald wie-
derzukommen fuhr ich gegen 4 uhr ab, ganz allein, welches bis Prag der
fall blieb. der schlechten Wege kam ich erst gegen mitternacht nach Bay-
reuth und fuhr gleich weiter. die fahrt über das fichtelgebirge, namentlich
von gfrees bis thiersheim war höchst beschwerlich wegen des thauwetters,
bald schlittenbahn, bald koth, bey gfrees mußte der Wagen durch Bauern
aus den schneemassen herausgeschaufelt werden, und es ging auf schlitten
weiter, später wollten wir Postcaleche haben, doch waren diese eingefroren,
und so mußten wir auf schlitten durch koth und schotter forthumpeln etc.
endlich um 4 uhr nachmittag kamen wir nach eger, wo zum glücke der
Prager kourier eben abfahren wollte, ich daher noch mit konnte. der „k.k.
kämmerer“ half mir über die Zollvisitation hinweg, welche mich sonst aufge-
halten und es mir unmöglich gemacht hätte, noch mit diesem Wagen weiter
zu reisen. von da an ging es wie spielend vorwärts: prächtige straßen, der
schnee ausgeschaufelt, schnelle und pünktliche fahrt. vivat oesterreich.
um 1/2 10 soupirte ich in carlsbad, war um 1/2 9 morgens in schlan, ärgerte
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien