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März 1847
mich über die berüchtigte neue straße von da bis strzedokluk und war nach
12 uhr mittag heute in Prag, wo ich in den drey linden abgestiegen bin.
neben mir wohnt onkel toni, die Waldsteins wohnen bey colloredo, eg-
bert [Belcredi] aber, auf den ich als introducteur bey den hiesigen ständen
zählte, kömmt leider erst in ein paar tagen. Auch erzherzog stephan, für
den ich einen speech in petto habe, ist noch nicht hier. ich fand einen Brief
von gabrielle vor, aus dem ich entnehme, daß die erste sendung bereits in
Wien ist. diesen Abend brachte ich bey Belcredi zu, tante toni [Waldstein],
celine [Belcredi], Albertine coudenhoven, constance, tesi thun etc. waren
dort.
[Prag] 1. märz 1847 Abends
ich stecke in der Politik bis über die ohren, d.h. in den hiesigen ständischen
dingen. fritz deym, so ziemlich der chef der hiesigen opposition, hat mich
mit großer Wärme aufgenommen, und ich habe mit ihm häufige (gestern
eine 4stündige) conferenzen gehabt. er hat mir viele materialien gegeben,
noch mehrere versprochen und will mich au courant der ständischen Bewe-
gungen erhalten für meine mittheilungen an die Allgemeine Zeitung. mehr
Werth aber noch legt er auf eine geschichtliche darstellung des ständewe-
sens in oesterreich seit 1815 (merkwürdige coincidenz mit g. lerchenfeld!)
und will, ich soll diese schreiben. mir will diese sache aus bereits angegebe-
nen gründen nicht einleuchten, aber vedremo. übrigens ist er nicht mein
mann: reiner Aristokrat, alle politische färbung ängstlich vermeidend und
vorerst (so sagt er wenigstens) nur die herstellung des Alten wollend: pfiffig
und homme aux expédients. er hat mich zu Pepi thun geführt, ein politi-
cal waverer, aber bedeutend durch geist und stellung. dieser las uns einen
superben vortrag vor, den er in der nächsten versammlung zur Aufrecht-
haltung des vorjährigen ständeschlusses wegen erhöhung der dominical-
steuer halten will. die regierung arbeitet nämlich jetzt mit gewohnter Perfi-
die daran, eine majorität dagegen zu organisiren, was bey der kurzsichtigen
selbstsucht vieler stände leider nur zu leicht seyn dürfte, um sodann – den
Beschluß dieser majorität nicht anzunehmen, so die stände zu prostituiren
und ihre eigene Popularität zu erhöhen! hartig war im sommer bey Procop
lazanzky in chiesch und half ihm, seinen unseligen Antrag ausarbeiten.1
dagegen muß nun die Publicität dieses infamen Beginnens helfen. heute
1 die frage der weiteren gültigkeit oder notwendigen neubewilligung des 1846 votierten
grundsteueraufschlags auf das dominikalland bildete einen hauptpunkt der debatten des
böhmischen Landtags, der vom 3.5. bis 1.6.1847 tagte. Graf Prokop Lažanzký hatte im
oktober 1846 den in der minderheit gebliebenen Antrag eingebracht, dieser Aufschlag sei
lediglich für 1847 votiert worden. vgl. eintrag v. 4.11.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien