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Tagebücher664
erschien ein langer Artikel in diesem sinne in den grenzboten,1 und ich will
unter fremden nahmen und gewand (um nicht in so gehässiger Weise zu
debütiren) einen kürzeren und milderen Artikel der Allgemeinen Zeitung
einsenden.
meine hauptidee einer konstituirung der fortschrittspartey durch erlas-
sung eines öffentlichen Programms konnte ich daher bey deym’s tendenz
diesem nicht anbringen, that es dagegen bey franz thun und neuberg, viel-
leicht keimt die saat. heute gab mir deym ein diner, wozu er franz collo-
redo, Albert nostitz, carlos Auersperg, franz thun etc. einlud, so ziemlich
die Bedeutendsten des hohen Adels, thun bey weitem der bedeutendste.
nach tisch las er uns einen vortrag, er nennt es sein politisches testament,
welchen er zu halten beabsichtigt, und der lebhafte discussion erweckte. die
commission zur Wahrung der ständischen rechte hat eine staatsrechtliche
deduktion verfaßt, wozu deym und neuberg Beyträge lieferten, die beyde,
namentlich letzterer, das historische umfassend, meisterhaft sind. das
ganze ist hervorgerufen durch ein reskript vom vorigen Jahre, worin der
kaiser sich auf sein angebliches recht beruft, laut der landesordnung die
ständischen rechte zu modifiziren.
neuberg, mit dem ich ebenfalls lange und mehrere unterredungen hatte,
besitzt weit mehr kenntnisse, logik und Brauchbarkeit als deym, dessen
zu resches Auftreten, namentlich in der steuerfrage, er beklagt. dagegen ist
er viel behutsamer, aber auch entschiedener: er will die stände als volks-
vertretung ausbilden und nöthigenfalls an den Bundestag gehen. Auch er
versprach mir Alles mögliche, bey tische warnte man mich heute vor ihm
als einem hauptczechen. endlich ist egbert [Belcredi], welcher seit einigen
tagen hier ist und mir manches gebracht hat, voll der besten Ab- und An-
sichten, aber noch etwas in Allgemeinheiten taumelnd.
deym gab mir einen Aufsatz Palackys über die historische entwicklung
der böhmischen landstände, nicht viel neues, aber voll der genialsten ideen:
Polarität: centralisation und öffentliche meinung. indifferenzpunkt: natio-
nalität. Auf eines dieser 3 müssen sich die stände fußen.
salm’s stellung ihnen gegenüber ist eine armselige, doch ist er wenigstens
ehrlich, ich warnte sie vor rudolf stadions leichten manieren.
ich bin überall mit großer Wärme, ja hie und da mit enthusiasmus aufge-
nommen worden, mein 2. theil scheint noch besser zu gefallen als der 1., das
nämliche schreibt mir gabrielle von Wien, am wenigsten noch den reinen
Aristokraten, z.B. deym, der mich gerne herumkriegen möchte. neuberg hat
1 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 6 (1847), i. semester, i. Bd., 289–292.
Bescheidene supplik eines bürgerlichen gutsbesitzers an die hohen stände Böhmens. der
Artikel ist gezeichnet mit n. n. Bürger der königlichen stadt Budweis und gutsbesitzer.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien