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Tagebücher666
eine interessante Bekanntschaft, die ich bey neuberg machte, war die
Palacky’s, eines ultra-czechen, der schon unter der thüre von nationalität
zu schreyen anfing.
neuberg zeigte mir ein merkwürdiges dokument: ein schreiben des Pra-
ger erzbischofs an ihn als vorstand des böhmischen litteraturvereines,1
womit er sich über ein von demselben gedrucktes handbuch der geogra-
phie in böhmischer sprache [beklagt]. der Bischof klagt bitter über die
darin enthaltene entstehungsgeschichte der erde als den mosaischen Bü-
chern widerstreitend!! übrigens sträubt sich derselbe Prälat kräftig gegen
die einführung der Jesuiten, welche auch dort zu spucken anfangen (hé-
lène lobkowitz hat nämlich für sie ein haus gekauft), aber im Publikum
entschiedenen Widerwillen finden.
die arme fridérique thomas geb. hildprandt, die ich noch ein paar tage
früher frisch und munter sah, starb noch während ich in Prag war in folge
ihrer entbindung.
camill rohan, ein gutmüthiger französischer schwätzer, sah ich viel, den
letzten Abend war ich bey Colloredo mit einer Schaar magnifiquer Comtessen.
Am 3. aß ich noch mit egbert [Belcredi] im schwarzen roß, ich hinterließ
ihm einen pseudonymen Artikel für die Allgemeine Zeitung und die mis-
sion, an meiner lieblingsidee eines liberalen Programms zu arbeiten, und
fuhr dann ab und war tags darauf gegen mittag in Wien.
hier erwartete mich häusliches unglück: mein Jäger warf sich mir zu
füßen, wollte sich erschießen und gestand mir, daß er von der lotteriewuth
ergriffen einen theil meines silbers versetzt habe. mir ist diese sache sehr
unangenehm.
die ganze Welt spricht hier von meinem Buche. Alles macht mir die größ-
ten complimente, man sieht es für gemäßigter und gehaltener an als ich
selbst glaubte, in den höchsten Kreisen findet es vielen Anklang, neulich
wurde es auch im salon ficquelmont mit großem lobe besprochen. Aber Al-
les bleibt beym Alten, nur auf die stände hat es, wie Breuner, doblhoff etc.
mir sagen, sehr kräftig gewirkt, es ist eben jetzt ständische versammlung,
und es herrscht der beste, freysinnigste geist, sie haben eine commission
zur Ausarbeitung eines communalgesetzes ernannt, die repräsentation
des 4. standes urgirt etc. ich habe übrigens bis jetzt Alles dieses und vie-
les Andere nur ganz oberflächlich vernommen, weil ich noch in der ersten
hetze der Ankunft bin.
In Pesth findet am 14. große Zusammenkunft der Opposition statt. Erz-
herzog stephan ist immer hier, stellt seine Bedingungen und will einstwei-
1 fürsterzbischof von Prag war seit 1838 frh. Alois Josef v. schrenck. gemeint ist wohl die
Matice česká, deren Kurator Ritter Jan Norbert v. Neuberg 1841–1852 war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien