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März 1847
mein Buch ist noch immer das tagesgespräch. von mehrern seiten sollen
Artikel darüber geschrieben werden, auch doblhoff bereitet einen längeren
Aufsatz darüber für die grenzboten vor. graf kolowrat meint, das meiste
habe er sich selbst längst gedacht, jedoch hätte ich mir dadurch, daß ich es
drucken ließ, meine carrière verdorben, eine schöne Äußerung für einen
allmächtigen minister! hartig, der repräsentant der Büreaukratie, fühlt
sich an der wunden seite getroffen, tobt und rast und möchte mich einsper-
ren lassen. dabey herrscht allgemeine consternation im regierungslager,
und um das maaß voll zu machen, hat Preußen am Bundestage den Antrag
auf Preßfreyheit und repressiv-gesetze gestellt!! könig Wilhelm scheint
endlich die wahre richtung gefunden zu haben, felix faustumque sit! dazu
scheint rußland uns auch verlassen zu wollen, und kaiser nicolaus hat so
eben der französischen Bank 50 millionen geliehen! es kracht in allen ek-
ken, graf münch soll eilends nach frankfurt, um dem preußischen Antrage
entgegen zu arbeiten, ist aber gefährlich krank. franz stadion ist nach ga-
lizien ernannt,1 wo es misérabel aussieht, und in ungarn stehen sich die
Partheyen feindlicher gegenüber als je, dank sey es der tollen Wuth Ap-
ponyis und seiner seiden.
morgen sende ich einen Artikel über die von den niederösterreichischen
ständen beantragte herabsetzung der verzehrungssteuer und des stem-
pelgesetzes in die Allgemeine Zeitung.2 diese beyden Punkte haben unter
dem gemeinen volke eine große sensation erregt, daher il faut chauffer le
fer, ist doch jetzt die masse schon der wahre monarch geworden, und wir
Alle, regierung sowohl als stände, nur seine schmeichler, in 2–3 tagen
folgt ein zweyter über die vertretung des 4. standes, worüber ich neulich
mit stifft eine lange und interessante conferenz hatte. mein zweyter für die
Allgemeine Zeitung bestimmter Aufsatz: die nächstkommende böhmische
ständeversammlung betreffend, wozu fritz deym mir den stoff gegeben
hat, ist noch nicht erschienen, obwol ich ihn schon am 16. absandte. sollte
er nicht angelangt seyn? oder sollte sich die reaction schon eingefunden
haben? das muß sich bald zeigen.
der Bericht des comittée zur Wahrung der ständischen rechte (in Böh-
men) erregt hier große Angst und hosenscheißen. fritz schwarzenberg, der
konfuser als je geworden ist, soll als Ambassadeur nach Prag gehen, um mit
hochverrath zu drohen und die leute herum zu bringen, da habe ich dann
schon ganz in der stille mein praevenire gespielt. der dumme kerl wird
sich höchstens blamiren.
1 graf franz stadion, seit 1841 gouverneur des küstenlands in triest, übernahm das galizi-
sche gubernium in lemberg.
2 Allgemeine Zeitung v. 11.4.1847, 806f., datiert ende märz.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien